LesArt
Berliner Zentrum
für Kinder- und Jugendliteratur
 
















 
LesArt andernorts 
Leicht beieinander wohnen die Gedanken
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Der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt...
(Chinesisches Sprichwort)
LesArt in China, die »ganze Welt« im Gepäck
Vom 21.8. bis 4.9.2004 gestalteten Sabine Mähne und Claudia Rouvel acht Fortbildungen in China. Auf Einladung des Goethe-Institutes Peking vermittelten sie in Guangzhou, Hongkong, Shanghai und Peking rund 250 Teilnehmerinnen Ideen und Erfahrungen aus der täglichen Arbeit in Berlin.
Rudolf Wenzel sprach mit den beiden.

Wer war euer Publikum und wie hat es reagiert?
In der »Volksrepublik« waren es Bibliothekarinnen und Lehrerinnen, in Hongkong kamen haupt- und ehrenamtliche Sozialarbeiterinnen, Mütter und das Kollegium einer Schweizer Schule dazu. Die Resonanz war grundsätzlich positiv, Umsetzungsmöglichkeiten wurden unterschiedlich bewertet. In Guangzhou sollte gleich die zentrale Kinderbibliothek als LesArt-Zwilling umfunktioniert werden. Dort fragten sie sehr genau nach Rahmenbedingungen: Wer finanziert LesArt, bestimmt die Inhalte, was für Menschen arbeiten dort? Mitarbeiter des Goetheinstitutes waren höchst erstaunt, wie spiel- und sangesfreudig sich die Teilnehmerinnen zeigten. In Auswertungsrunden kam jedoch stets das starre chinesische Bildungssystem zur Sprache. Der LesArt-Ansatz widerspräche dessen Schwerpunkt »Wissenserwerb«, es gehe nicht um emotionale Zugänge zu Literatur und Kunst. Kinder hätten auswendig zu lernen, die Bibliotheken Literatur für Hausaufgaben anzubieten. Es gäbe viel Unmut, auch in der Presse, aber Veränderung müsse »von oben« kommen. Wenige hoben - ausgehend von eigenen Kindheitserinnerungen - hervor, dass Einfühlung in Kinder eine notwendige Fähigkeit in ihrem Beruf sei. Den Wechsel der Perspektive könne man durch gute Geschichten lernen. Diese Statements waren in der Volksrepublik die Ausnahme, in Hongkong eher die Regel. Dort hätten wir uns mehr Zeit gewünscht, um gemeinsam Projekte zu entwickeln.

Gab es angesichts der Unterschiede in Sprache und Schrift trotzdem Übertragbares?
Ja. Unser Konzept nahm etwas auf, das beide Kulturen verbindet und trennt: den Drachen als Fabeltier, Symbol und Kinderspielzeug. Wenn wir einen zweiköpfigen, feuerspeienden Drachen vorspielten, zeigten die Teilnehmer, wie ihr (Wasser-)»Drache« als Kaiser geht oder sie sangen »Wir sind die Nachfahren der Drachen«. Ein ins Chinesische übersetzter Powerpoint-Vortrag beschrieb Grundlagen (z.B. Kindheitsbild) und Formen unserer Arbeit, veranschaulich durch Bilder aus »Die ganze Welt«. Der Wechsel von Demonstration und Interaktion in Verbindung mit kulturellen Anknüpfungspunkten war der Schlüssel zur Verständigung. Mit »Die ganze Welt« (Gerstenberg Verlag) stand uns ein ideales Verständigungsmittel ohne Worte zur Verfügung. Woraus besteht die »Welt«? Mythologisch gesehen aus den Elementen, fünf in China (Wasser, Erde, Feuer, Metall, Holz), vier in Europa. Fühlen von Leitungswasser, Gartenerde, Metall, Holz und die Flamme eines Teelichts als sinnlicher Einstieg in Geschichten war den Teilnehmerinnen neu. Neu war auch die Arbeit in kleineren Gruppen. Mit Lust entdeckten und erfanden sie Bildzusammenhänge und Ordnungsprinzipien, legten Geschichten, erinnerten chinesische Sprichwörter zu Bildern. Niemals gab es richtig oder falsch, nur das Vergnügen des Assoziierens und Denkens. So arbeiten wir auch in Berlin. Die theatralische Präsentation der alten chinesischen Fabel »Sieben blinde Mäuse« (Ed Young) war ein Vergnügen. Ist erst Lebendigkeit im Raum, gibt es kaum Unterschiede zu deutschen Teilnehmern.

Welchen Eindruck hattet ihr vom Buchangebot?
Zwischen der Volksrepublik und Hongkong gibt es große Unterschiede. Hongkong besitzt eine attraktive Central Library mit großer Kinderbibliothek und internationalem Buchangebot. Wir fanden Bilderbücher von Bruna, Quint Buchholz, Norman Junge, Lionni, Jörg Müller, Sendak oder Sís... Daneben - durch Glaswände einsehbar - eine Art Spielzimmer für Eltern und Kinder, nur auf Voranmeldung benutzbar! In den Kinderbibliotheken der anderen Orte waren wir besonders über das Bilderbuchangebot erschrocken. Broschuren, knallbunt, simpel, im billigem Comicstil illustriert, füllen die Regale. Buch-Kunst für Kinder scheint rar. Lesungen für Kinder sind selten, da es angeblich kaum gute Autoren gäbe. Was Lesefähigkeit und -fertigkeit chinesischer Kinder betrifft, sind diese wohl zu bewundern. Sie erlernen zunächst Pin Yin Schrift, lateinische Buchstaben, welche die chinesischen Zeichen phonetisch umschreiben. Erst danach lernen sie die chinesischen Zeichen. Viele Erstlesebücher sind mit beiden Schriften ausgestattet.

Würdet ihr etwas anders machen, wenn ihr noch mal fahren würdet?
Unserem Auftrag ist eine Grenze gesetzt, die Sprache. Diese Grenze ist auch durch Übersetzungen und Dolmetscher nicht aufzuheben. Der Grundgedanke, kulturelle Motive und Symbole als Brücke zu wählen, hat sich bewährt, auch der Wechsel von Demonstration und Interaktion. Vielleicht böte mehr Intensität die Chance, anhand eines chinesischen oder deutschen Kinderbuches (Übersetzung vorausgesetzt!) eine Veranstaltung gemeinsam zu konzipieren im Sinne eines kreativen Beratungsworkshops.

Interview geführt für »Eselsohr. Fachzeitschrift für Kinder- und Jugendliteratur«, Heft 11/2004
Dokumentation
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Chinesisches Zeichen: Drache
Katy Couprie, Antonin Louchard: Die ganze Welt
Chinesisches Sprichwort
Ed Young: 7 blinde Mäuse
Krokodil