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für Kinder- und Jugendliteratur
 
















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Rezensionen
Die Gruppe der »LesArtigen« diskutiert und rezensiert Kinder- und Jugendbücher, jugendliche Redakteure geben die literaturzeitung berliner jugendlicher xyz. wir für uns heraus.
Rezensionen der LesArtigen
Rezensionen aus xyz - wir für uns
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Die LesArtigen
Philip Ardagh: Schlimmes Ende. Aus dem Engl. v. Harry Rowohlt, C. Bertelmann Verlag 2002, 125 S., ab 10
... in diesem Buch gibt es viele Wortwiederholungen, wie zum Beispiel ». hielt der Wahnsinnige Onkel Jack an einem Ausspann, der Zum Ausspann hieß.« Wenn man das Buch anfängt zu lesen, findet man diese Wortspiele noch ganz lustig, doch allmählich wird es dann langweilig und - auf gut deutsch gesagt - richtig nervig. Ich habe mich förmlichst gezwungen, das Buch wenigstens bis zur Mitte zu lesen. Deutlicher: Ich finde es grauenvoll und würde es auf gar keinen Fall weiterempfehlen.
Paula, 11 Jahre (Die LesArtigen)

...Versteht mich nicht falsch: Dieses Buch ist irgendwie doof, doch gleichzeitig toll. Hier in diesem Buch sind ein Kind und zwei Erwachsene, die ihren Namen zu Recht tragen, die Wahnsinnige Tante Maud und der Wahnsinnige Onkel Jack... Die Handlunge selbst ist total schräg, aber sehr gut geschrieben. Ich würde es allen, die gerne Verrücktes lesen, empfehlen, aber nicht Kindern unter zehn Jahren, weil ich glaube, dass sie den Witz des Buches nicht verstehen.
Robert, 10 Jahre (Die LesArtigen)

...Für jüngere Leser ist dieses Buch wie geschaffen. Es erklärt schwierige Wörter, die man in einem bestimmten Alter noch nicht kennen kann. ... eine lustige Stelle in dem Buch ... möchte ich euch gerne vorlesen: »Wenn ihr nun meint, ein Greifer wäre doch wohl eher ein Fördergefäß zum Aufnehmen und Heben von Massengütern wie Kohle, Erz, Schotter, Sand usw., so seid ihr entschuldigt und habt ja auch Recht . aber dieser Greifer war eine ganz andere Sorte von Greifer. Er war nämlich ein Greyffer und nach einem Mann namens Geheimrat Greyff benannt, und wenn ihr findet dies hört sich allmählich wie eine Geschichtsstunde an, dann habt ihr wieder Recht -, ich werde mich also kurz fassen. Geheimrat Johann Anton Zebedäus von Greyff (1788 - 1850) erfand am 27. März 1845 die Polizei und nach ihm würden die Polizisten Greifer genannt. Hätte Johann Anton Zebedäus von Soyff geheißen, hätten sie den Spitznamen 'Säufer' abgekriegt; demnach hatten sie noch ganz schön Glück gehabt.« Der Autor hat auch sozusagen in dem Buch mit dem Leser gesprochen, was nett war.
Philipp, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Tamara Bach: Marsmädchen. Friedrich Oetinger Verlag 2003, 160 S., ab 12
»Was darf man schon mit 15? Nichts! Nicht mal bis Mitternacht ohne Aufsichtsperson weg oder ein Bier trinken oder rauchen. Dann darf man doch erst recht nicht küssen. Aber verliebt sein, das darf man, das kann einem keiner verbieten. Und wenn es eben Laura ist! Muss ja keiner wissen...« Wenn man das Buch liest, hat man das Gefühl in Miriams Tagebuch oder noch eher in ihren Gedanken zu blättern. Man bekommt einen Einblick in ihre Vorstellungen und Gefühle und hat sogar den Eindruck, dass auch die Sprache des Buches zu ihr gehört. Ein wenig unsicher vielleicht, auf jeden Fall humorvoll, manchmal ein bisschen chaotisch, durcheinander. Obwohl ein heikles Thema behandelt wird, liest sich dieses Buch mühelos und ohne das übliche Nachgrübeln über das Thema. Wahrscheinlich ist es der sehr humorvolle und natürliche Schreibstil, der die Geschichte auflockert. Und man der Meinung ist, egal wie es ausgeht, es ist richtig. So ist das Leben und nicht anders.
Rebecca Hinzmann, 14 Jahre (Die LesArtigen)

Paul Biegel: Die Gärten von Dorr. Aus d. Niederl., Ill. v. Eva Johanna Rubin, Kinderbuchverlag 1974, 245 S., ab 11
Prinzessin Verliermichnicht muss Kommzurück, den Gärtner, der in ein Samenkorn verwandelt wurde, erlösen. Dazu wandert sie zu den Gärten von Dorr. Die Geschichte wird u.a. von einem Landstreicher erzählt, der der Prinzessin folgt, sie aber nie einholt. Er liebt die Prinzessin und will sie schützen und zu ihrem Vater zurückbringen. Seine Sorge um sie macht seine Sichtweise interessant und die Art und Weise, wie er von der Prinzessin spricht, finde ich besonders schön. Mir gefällt dieses Buch sehr gut, da es mit sehr viel Phantasie geschrieben ist und eine wunderbare Sprache verwendet. Das merkt man vor allem immer dann, wenn der Landstreicher erzählt. Es gibt auch einen allwissenden Erzähler, doch der weiß manchmal einfach viel zu viel: hier wird oft zu langatmig und zu genau beschrieben. Außerdem finde ich gut, dass die Geschichte einem Märchen ähnelt. Die Charaktere, die vielen Wesen und Hexen, erinnern mich daran. Und wie im Märchen ist die Prinzessin zum Schluss »glücklich bis ans Ende ihres Lebens«. Das finde ich toll. Deshalb empfehle ich das Buch unbedingt weiter!
Clara Schattauer, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Martha Brooks: Wahre Geständnisse eines herzlosen Mädchens. Aus d. kanad. Engl. v. Birgitt Kollmann, Deutscher Taschenbuch Verlag 2004, 236 S., ab 14
Noreen steckt in der Klemme. Sie ist ein chaotisches, misstrauisches, verantwortungsloses Mädchen. Die 17jährige gerät immer wieder in Schwierigkeiten. Diesmal verschwindet sie, weil ihr Freund ihren eigenartigen Liebesbeweis nicht schätzt, mit einem von ihm gestohlenen Pick-up und einem Baby im Bauch nach Pembina Lake. Das Leben der Kleinstadtbewohner bringt Noreen gewaltig aus den Fugen. So tötet sie beinahe den Hund ihrer Gastgeberin, setzt ein Sommerhaus in Brand und zerstört beim Renovieren ein Café. Dabei hat sie das alles doch gar nicht gewollt. Zu ihrem Glück weisen die Bewohner sie trotz allem nicht ab und unterstützen sie. Damit beginnt das Mädchen sich zum ersten Mal zu öffnen und erzählt von seiner Vergangenheit. Martha Brooks versteht es, einen unterhaltsamen, fesselnden Roman zu schreiben. Es ist durch die schöne, atmosphärische Sprache gut möglich, sich in das Leben der Kleinstadt hineinzuversetzen. Originell ist das Ende, das nicht dem ewigen Muster eines Happy ends oder traurigen Schlusses entspricht. Jedoch leidet die Geschichte etwas unter dem ständigen Wechsel zwischen den Charakteren, was zu Verwirrung führt. Viele Geschehnisse wirken sehr konstruiert, wie z.B. dass das Mädchen wegen einer falschen Bewegung ein ganzes Café verunstaltet. Der Titel des Buches ist meiner Meinung nach unpassend, da es hier nicht um Geständnisses, sondern um ganz normale Erzählungen aus Noreens Vergangenheit handelt. Allenfalls die letzte, leider äußerst kitschige Szene erinnert an ein Geständnis. Zu empfehlen ist dieses Buch für Jugendliche, die einen Zeitvertreib suchen.
Anna-Marie Nehl, 16 Jahre (Die LesArtigen)

Caralyn und Mark Buehner (Text u. Ill.): Ein Job für Wittilda. Aus d. amerikan. Engl. v. Renate Nickl, Altberliner Verlag 1996, 32 S., ab 6
Wittilda hat 47 Katzen und muss sie alle füttern. Deshalb braucht Wittilda einen Job. Zum Glück findet sie in Tante Barts Haar-Studio eine Arbeit. Leider wird sie sofort wieder entlassen, weil sie einer Dame eine Frisur wie ein Spinnennetz macht. Sie findet einen Job bei Dingaling Pizza und kommt am Abend mit Katze Nr. 48 und Pizza für alle nach Hause. Das Buch ist sehr lustig und hat mir deshalb gefallen. Beim ersten Lesen habe ich vor allem auf die Geschichte geachtet. Beim zweiten, dritten, vierten Ansehen, habe ich mehr auf die Bilder gesehen und das Buch wurde dadurch immer witziger. Jedes Mal habe ich etwas Neues entdeckt. Da ist z. B. die Spinne, die sich auf jedem Bild versteckt. Nachdem ich sie gesehen hatte, tauchten plötzlich überall Spinnen auf: als Muster auf Wittildas Kleid oder auf dem Teppich, als Leuchter in Spinnenform... Und beim nächsten Hinschauen habe ich dann noch all die anderen Tiere bemerkt: Flamingos auf der Tapete, Fische an der Wand, Fledermäuse auf dem Sessel - auf jeder Seite gibt es neue oder schon bekannte Tiere zu sehen. Die kleine schwarze Katze, die außerhalb der großen Illustration auf jeder Seite gezeigt wird, fällt besonders auf. Sie versucht eine Maus zu fangen. Beide flitzen von Doppelseite zu Doppelseite und auf der letzten Seite springt die Maus gerade noch in das Mauseloch. Das ist fast wie ein Daumenkino.
Es gibt noch viel mehr zu entdecken bei Wittilda - aber das müsst ihr selber tun. Viel Spaß!
Kiril Dimov, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Melvin Burgess: Doing it. Aus d. Engl. v. Andreas Steinhöfel, Carlsen Verlag 2004, 345 S., ab 16
Ein paar Jugendliche schreiben ihre Gedanken und Erlebnisse auf. In den männlichen Hauptrollen: Benn, Jonathon und Dino, in den weiblichen: Deborah, Jackie und eine Lehrerin! Ihre Gedanken drehen sich um Lust und Liebe, Wünsche, Ängste und Gefühle. »Doing it« von Melvin Burgess ist ein sehr unterhaltsamer Jugendroman. Die Geschichten bauen aufeinander auf und unterstützen jeweils auch die Gedanken der anderen Charaktere. Auffällig ist, dass Burgess doch sehr »typische« Figuren gewählt hat: den Coolen, den Loser, die Beliebte . Es ist ein zentrales Jugendthema, das in dem Roman angesprochen wird - die Angst vor Sex und der Wunsch nach Sex. Melvin Burgess beschreibt die Gedanken, Gefühle und Empfindungen sehr anschaulich und nachvollziehbar. Seine Sprache ist modern und unkompliziert, zum Teil aber auch sehr deutlich und drastisch. Gerade wegen seiner Sprache ist der Roman sehr umstritten. In Burgess' Heimat England war er oft Thema von Literaturkritikern, die ihn aber zum Teil auch schätzen. In vielen Kolumnen und Tageszeitungen wird für ihn geworben.
Sarah Müller, 16 Jahre (Die LesArtigen)

Christopher Paul Curtis: Die Watsons fahren nach Birmingham - 1963 . Aus d. amerikanischen Engl. v. Gabriele Haefs, Carlsen Verlag 1996, 196 S., ab 12
Die Watsons sind eine schwarzhäutige Familie, die 1963 in Birmingham den Hass der Weißen auf die Schwarzen erfahren. Nach einem Bombenanschlag auf die dortige Kirche steht die Familie unter Schock. Was genau passiert, wird in dem Buch nicht ausgesprochen. Ich musste einige Stellen viermal hintereinander lesen, um alles zu begreifen. Auch warum die Weißen die Bombe legten, wird nicht erklärt - das ist einfach so. Um die Geschichte besser zu verstehen, ist es gut, wenn man schon mehrere Bücher über den Schwarz-Weiß-Konflikt in den USA gelesen hat. Doch dieser bildet nur den Hintergrund für die eigentliche Geschichte. Die erzählt von den verschiedenen Familienmitgliedern der Watsons und ihren Problemen miteinander.
Aus der Perspektive des 13jährige Kenneth Watson lernen wir die Familie kennen, insbesondere Kenneth` älteren Bruder Byron. Byron bereitet allen viele Probleme. Deshalb fährt die Familie nach Birmingham zur Oma, bei der Byron sich »bessern« soll. Hier lernt Kenneth nicht nur seine Oma, sondern auch seinen Bruder richtig kennen. Beide verändern sich. Der Autor beschreibt damit etwas, was wir alle kennen, und deshalb konnte ich mich gut in die Figuren einfühlen. Besonders mit Kenneth, der eher still ist, konnte ich mich identifizieren.
Das Buch gefällt mir gut, weil man zwischen den Zeilen lesen und mitdenken muss, weil nicht schon alles da steht. Auch, wenn es mir manchmal zu viel wurde. Und es gefällt mir wegen der vielen witzigen Dialoge, in denen die Personen alles ganz einfach und unverblümt ausdrücken. Wie z. B. Mama Watson, die schon mal jemanden anschreit, wenn er sich nicht an die Regeln hält. Hier und an anderen Stellen habe ich laut gelacht und das Lesen hat einfach Spaß gemacht.
Clara Schauttauer, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Michael Dorris: Morgenlicht und Sternenwächter. Aus dem Engl. v. Uwe-Michael Gutzschhahn, Ill. von Quint Buchholz, Ravensburger Buchverlag 1995, 93 S., ab 10
Dieses Buch erzählt vom Erwachsenwerden und davon, wie schwer das manchmal sein kann. Es handelt von zwei Geschwistern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Morgenlicht liebt den Morgen, Sternenwächter den Abend. Ihre Gefühle und ihr Blick auf die Welt sind wie Tag und Nacht. Trotzdem verstehen sie sich und halten zusammen, wenn es darauf ankommt. Die Kapitel wechseln zwischen zwei Perspektiven. So hat die Geschichte eine weibliche und eine männliche Stimme. Diesen Wechsel finde ich sehr interessant, denn in anderen Büchern ist er nicht so deutlich zu erkennen (oder gar nicht vorhanden)! Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Christoph Columbus landete 1492 auf der Insel, auf der Morgenlicht und Sternenwächter leben. Über dieses Erlebnis verfasste er einen Tagebucheintrag, der als Epilog im Buch abgedruckt ist. In der Geschichte tauchen am Ende Fremde auf, die von Morgenlicht und Sternenwächter willkommen geheißen werden. So wird deutlich, woher der Autor weiß, wie Morgenlicht und Sternenwächter leben. Diesen geschichtlichen Hintergrund finde ich sehr spannend. Das Buch hat wunderschöne Illustrationen von Quint Buchholz, die die ruhige Stimmung der Geschichte gut erfassen. Sie zeigen vor allem Natur: den Sonnenaufgang, den weiten Sternenhimmel, das Meer, den Strand. Und natürlich auch die beiden Kinder. In der Geschichte passiert nicht sehr viel, aber das hat mich nicht gestört. Sie ist einfach sehr schön erzählt.
Clara Schattauer, 12 Jahre (Die LesArtigen)

»Morgenlicht und Sternenwächter« sind zwei unterschiedliche Geschwister. Morgenlicht liebt es, morgens aufzustehen, wenn alle anderen noch schlafen und die Sonne aufgeht. Sternenwächter hingegen ist abends gerne wach, denn er liebt es die Sterne anzuschauen. Er geht erst ins Bett, wenn Morgenlicht aufsteht. Morgenlicht meint Sternwächter, dass nervt, weil er immer überall reinredet. Sternenwächter meint, Morgenlicht mischt sich in Sachen ein, die sie nichts angehen. Eine Geschichte, die in zwei Perspektiven aufgeschrieben ist: einmal aus Sternenwächters Sicht und einmal aus Morgenlichts Sicht. Ich finde das Buch an manchen Stellen langweilig, weil es sich manchmal wie Kaugummi lang zieht. Es gibt aber auch ein paar spannende Stellen.
Nicola Scholz, 11 Jahre (Die LesArtigen)

Ein Interview mit den LesArtigen
Wovon handelt das Buch?
Von zwei Geschwistern, die sich andauernd streiten. Sie sind beide sehr verschieden, denn Morgenlicht liebt den Tag und Sternenwächter die Nacht. Sie lernen, wie Geschwister zusammenhalten müssen und werden im Laufe der Geschichte erwachsen.
Findet das Erzählte in der Gegenwart oder in der Vergangenheit statt?
Die Geschichte selbst spielt in der Vergangenheit, in der Zeit, in der Columbus Amerika entdeckte. Sie ist aber in der Gegenwart geschrieben.
Wer erzählt euch die Geschichte?
Die Geschichte wird von Morgenlicht und Sternenwächter in zwei Perspektiven erzählt, in der wechselnden Ich-Form. Jedes Kapitel wird jeweils aus der Sicht einer Figur erzählt.
Gibt es eine Textstelle, die ihr besonders mögt?
Nein! Der Autor, Michael Dorris, hätte das Buch spannender schreiben können.
Gefallen euch die Illustrationen?
Die Illustrationen sind sehr schön. Der Illustrator, Quint Buchholz, hat im Pointilismus und in schwarz-weiß gezeichnet.
Wem würdet ihr das Buch empfehlen?
Lesern, die sich für Reiseberichte, Biographien, Geschichte und Natur interessieren.
Cora, Kalle, Linus, Rosa, Sebastian und Vincent (Die LesArtigen)

Malika Ferdjoukh: Schwarze Kürbisse. Aus d. Franz. v. Rosemarie Griebel-Kruip, Sauerländer im Patmos Verlag 2004, 254 S., ab 12
Die Familie Coudrier versammelt sich wie jedes Jahr anlässlich des Geburtstages des Großvaters. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, als die Kinder hinaus geschickt werden, um Speisekürbisse aus dem Gemüsegarten zu holen. Doch außer den Früchten finden sie einen Toten, mitten im Beet! War es ein Mord? Aber wer war es, wenn es wirklich Mord war? Onkel Gil? Großvater? Oder ist der Unbekannte mit dem roten Fleck auf der Brust eines natürlichen Todes gestorben??? Damit beginnt die Recherche des jungen Hérmes, bei der einige dunkle Geheimnisse der so angesehenen Familie Coudrier ans Tageslicht kommen. Malika Ferdjoukh gelingt es die einzelnen Geheimnisse letztendlich geschickt so zu verbinden, dass das Bild dieser angesehenen Familie total zerstört wird. Das Buch ist eine Mischung aus Familiendrama, Liebesgeschichte und Kriminalroman, was eine originelle und erfrischende Zusammenstellung ergibt. Alles in allem ist es sehr zu empfehlen, da so viele verschiedene Leseinteressen befriedigt werden. Auch das Aufeinandertreffen der verschiedenen Kulturen durch den Vergleich der Familie Coudrier und der amerikanischen Nachbarsfamilie ist eine gelungene Idee der Autorin.
Sarah Müller, 16 Jahre (Die LesArtigen)

Russell Freedman: Die großen Häuptlinge. Aus d. amerikan. Engl. v. Nina Schindler, Carlsen Verlag 1997, 159 S., ab 12
»Die großen Häuptlinge« haben wir alle gelesen, weil wir gerne einmal über ein Buch gemeinsam sprechen und schreiben wollten. Es hat uns allen gut gefallen, denn einige von uns lieben Sachbücher, die anderen lesen gerne Indianergeschichten oder historische Romane. Russel Freedman bringt dies in seinen Häuptling-Porträts zusammen. Bei dem Buch handelt es sich um ein literarisch aufbereitetes Sachbuch, das sehr detailreich und sprachlich ausgeschmückt sechs Indianerhäuptlinge vorstellt. Nach einem einleitenden historischen Kapitel folgen sechs Porträts bedeutender Indianerhäuptlinge. Der Autor erzählt, wie sie sich mit ihrem Stamm bei der Übernahme ihres Landes durch die Weißen verhalten haben. Lebensdaten, Lebensweisen, Kriege, Gefühle und Familienpolitik werden interessant und teilweise wie in einem Roman beschrieben. Jedes Porträt ist in sich abgeschlossen, so dass man nicht unbedingt das ganze Buch lesen muss, sondern nur die Kapitel zu den Häuptlingen, die einen interessieren. (s. u.) Russel Freedman beschreibt sehr bildlich und schafft dadurch eine Atmosphäre, die in die Zeit der Indianer zurückversetzt. Die abgedruckten Fotos und Gemälde passen sehr gut zum Text, denn sie zeigen oft genau das, was mit Worten beschrieben wird: z.B. sieht man auf einem Gemälde Indianer in Kriegsbemalung, wie sie durch die Prärie ziehen. Russel Freedman erzählt ebenso von einem Stamm, der in den Krieg zieht, und die Indianer, die er beschreibt, stellt man sich genauso vor wie auf dem Gemälde. Schade ist es, dass die Gemälde alle schwarz-weiß sind. Bei den Fotos ist das sicher im Original so, denn sie sind sehr alt. Am schönsten sind die Fotos der Häuptlinge. Jedem Porträt ist ein Foto des Häuptlings und ein überlieferter Ausspruch vorangestellt. Das ist eine spannende Einleitung. Durch das Foto hat man gleich einen Eindruck von dem jeweiligen Häuptling. Die Zitate machen neugierig auf dessen Charakter und die Geschichte - und sie berühren das Herz. Danach folgt ein circa 20 bis 25 Seiten langer Fließtext, der die Besonderheiten des Häuptlings in seinem Kampf um sein Land beschreibt. Bei der Beschreibung des Konflikts zwischen Indianern und Weißen ergreift Freedman keine Partei. Aber da der Schwerpunkt bei den Indianern liegt, erfährt man viel mehr über sie, kann sich ihn sie hineinversetzten und mit ihnen fühlen. Im Gegensatz zu anderen Sachbüchern erfährt der Leser aber bei "Die großen Häuptlinge" nicht, woher der Autor seine Informationen nimmt. Russel Freedman zitiert zwar Häuptlinge und Augenzeugenberichte, aber ohne Quellenangabe. Für die abgedruckten Bilder gibt es am Ende des Buches einen »Bildnachweis«. Die Textstellen werden nicht belegt. Um zu prüfen, ob der Autor uns auf keine falsche Fährte geführt hat und auch alles wahr ist, was er schreibt, haben wir seine Aussagen über die Häuptlinge im Internet überprüft. Und festgestellt, dass er uns die Wahrheit erzählt. Wir finden allerdings, dass dies ein wirklicher Kritikpunkt am Buch ist und wir haben uns gefragt, ob die Quellenangaben in der deutschen Übersetzung weggefallen sind. Denn bei unserer Recherche haben wir auch festgestellt, dass Russel Freedman ein sehr bekannter und anerkannter Autor ist, der viele Bücher geschrieben hat. Das Buch ist etwas für Kämpfer, Romantiker und Leute, die einfach gerne Porträts lesen. Es ist für Indianerfans Gold wert und trifft wie ein Pfeil ins Herz.
Gemeinschaftsrezension der LesArtigen Clara, Cora, Kiril, Sebastian und Vincent

Die Porträts
Chief Joseph (1840 - 1904)
»Vom augenblicklichen Stand der Sonne an will ich nie mehr gegen den weißen Mann kämpfen.« Das nahm sich Jospeh nach einer verlorenen Schlacht gegen die Weißen vor. Denn er war alt und hatte Angst um seine Kinder und seinen Stamm. Er erbte mit 31 Jahren von seinem Vater das Amt des Häuptlings und dessen Namen. Er gab ihm am Totenbett das Versprechen, auf sein Land, sein Volk und das Hab und Gut des Stammes Acht zu geben. Durch das Eindringen der Weißen kann er das Versprechen nicht halten. Obwohl er nach einer verlustreichen Schlacht beschließt, nicht mehr gegen die Weißen zu kämpfen, schließt sich der Stamm zu einer Armee zusammen und kämpft (ohne ihn) weiter, um das Unrecht, das ihnen geschah und ihre Toten zu rächen. So lebte Joseph einsam und seiner Häuptlingsehre beraubt in einer Reservation.
Mir gefällt, dass Freedman lebendig und aufregend von Krieg und Enttäuschung erzählt. Wie z. B. am Ende des Kapitels von Joseph. Es endet mit dem traurigen und einsamen Tod des Häuptlings. Der Arzt der Reservation stellte als Todesursache ein gebrochenes Herz fest. Das bricht mir und sicherlich auch vielen Lesern das Herz.
Clara Schattauer, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Quanah Parker (circa 1840 - 1911)
Als die Weißen in das Land der Indianer eindrangen und Anspruch auf deren Land erhoben, mussten die Indianer starke und kluge Häuptlinge wählen, die mutig genug waren, eine sehr wichtige Entscheidung für ihren Stamm zu treffen. Einer davon war Quanah Parker. Er war Häuptling der Kawahadis, die als sehr kriegerisch galten. In zahlreichen Kämpfen gegen die Weißen bewies er Mut und Stärke. Doch er gab schließlich die ständigen Angriffe auf die Weißen auf, um seinen Stamm nicht weiter in Gefahr zu bringen. Er zog mit ihm in das Fort Sill Reservat. Dort wurde Parker zu einem wohlhabenden Bauern und Politiker. Als er im Jahre 1911 starb, hatte Quanah Parker den Ruf des reichsten Indianers von Amerika. Trotzdem hatte er sein Volk, seinen Stamm und seine Familie nie vergessen, was sehr für ihn spricht und ihn sehr sympathisch macht.
Cora-Lou Kutsch, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Sitting Bull (1831 - 1890)
Das Porträt über Sitting Bull ist das längste und letzte Kapitel aus dem Buch. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er einer der wichtigsten Häuptlinge im Krieg gegen die Weißen war. Sitting Bull hieß unter den Indianern Tatanka-Yotanka und gehört zum Volk der Lakota. Er führte viele Kriege an und besiegte wichtige Persönlichkeiten der US-Armee, wie z. B. General Custer und sein 7. Kavallerie Regiment. Für uns ist er eine sehr spannende Figur, weil er für das Recht seines Stammes auf Freiheit gekämpft hat und nicht aufgab. Ihm wurde wie anderen Häuptlingen auch angeboten in eine Reservation zu ziehen, doch er lehnte ab. Also beschlossen die Amerikaner ihn und seinen Stamm zu vertreiben. Er floh bis nach Kanada und musste schließlich doch in eine Reservation. Er selber kapitulierte aber nie, deshalb heißt sein Eingangszitat auch: »Indianer! Es gibt keine mehr, nur noch mich!« In der Reservation wurde er bei Unruhen von den Weißen erschossen, die in ihm weiterhin eine Gefahr sahen. Nach seinem Tod wurden die Indianer am Wounded Knee Creek endgültig geschlagen - die Schlacht wurde auch als »Wounded-Knee-Massaker« bekannt. Dieses Massaker setzt den Schlusspunkt. So heißen die letzten Worte: Die Indianer hatten den Westen verloren, von allem anderen ganz zu schweigen. Vielleicht waren ihnen die Worte Tatanka Yotankas (Sitting Bull) ein Trost, der einmal gesagt hatte: »Wenn ein Mensch etwas verliert, soll er zurückgehen und sorgfältig danach suchen. Dann wird er es auch finden.« So muss man dieses Buch suchen, um es zu finden, denn es ist vergriffen. Aber die Suche lohnt sich!
Sebastian Bahr , 13 Jahre, Vincent Viebig, 12 Jahre, Kiril Dimov, 12 Jahre (Die LesArtigen)

John Green: Eine wie Alaska. Aus d. amerikan. Engl. v. Sophie Zeitz, Carl Hanser Verlag 2007, 279 S., ab 13
»Eine Woche bevor ich Florida verließ, um auf ein Internat in Alabama zu gehen, ließ sich meine Mutter nicht davon abbringen eine Abschiedsparty zu geben.« Diese Party verbringt der 16jährige Miles jedoch ziemlich einsam. Freunde hatte er auf der alten Schule nicht. Das ändert sich auf dem Internat in Culver Creck ganz schnell. Mit dem Colonel, Takumi, Lara und Alaska fängt er ein ganz neues Leben an. Und er verliebt sich in Alaska. Doch kurz nach dem ersten Kuss geschieht ein Unfall, Alaska ist plötzlich nicht mehr da. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: in die Zeit vor Alaskas Tod und die Zeit danach. Im zweiten Teil muss Miles mit seinem Schmerz fertig werden. Er will die Ursache für Alaskas Tod herausfinden. War es Zufall, zu wenig Konzentration oder Absicht, als sie in den Streifenwagen fuhr? Aus dem Gespräch mit dem Polizisten erfahren die Freunde, dass auf dem Rücksitz ein Strauß weißer Tulpen lag.
Dieses Bild sehe ich vor mir, wenn ich an das Buch denke. Es ist, als wenn ich von dem Kofferraum aus in Alaskas Auto schaue. Ich sehe die weißen Tulpen und durch die Windschutzscheibe einen Streifenwagen. Alaska fährt direkt darauf zu, ohne, dass sie etwas aufhalten kann.
Mir hat die Schreibweise John Greens sehr gut gefallen, der Text fließt irgendwie und drückt viel Gefühl aus.
Cora-Lou Kutsch, 13 Jahre (Die LesArtigen)

David Grossman: Zickzackkind. Aus dem Hebräischen von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling, Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2006, ab 12 (Nr. 33)
Zu Nonos »Bar Mizwa«, in der jüdischen Religion ein Zeichen des Erwachsenwerdens, hat sich sein Vater, ein international bekannter Kommissar, ein ganz besonderes Detektivspiel ausgedacht. In einem Zug nach Haifa wird Nono ein Brief überreicht, der eine Aufgabe für ihn enthält: Einen ganz bestimmten Menschen soll der Junge finden und ihn mit den Worten »Wer bin ich?« ansprechen. Weiß die Person die Antwort, so kann er Nono zur nächsten Etappe des Spiels führen. Doch Nono spricht den Falschen an, einen älteren Mann namens Felix mit rumänischem Akzent und Filmstarlächeln. Der Junge fährt mit Felix durch ganz Israel, wobei er immer mehr über seine verstorbene Mutter erfährt, über die der verschlossene Vater nie ein Wort verliert. Nono ist fest davon überzeugt, dass das ein Teil des Spiels und Felix ein Kollege seines Vaters ist. Doch immer wieder werden die beiden in kleinkriminelle Verbrechen verwickelt, was Nono langsam daran zweifeln lässt, dass Felix mit seinem Vater zusammenarbeitet. Und kann das wirklich noch zu einem harmlosen Spiel gehören?
»Zickzackkind« ist ein großartiger Roman, der mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat. David Grossman ist es wunderbar gelungen, bis zum Schluss die Spannung zu halten und nie zu viel zu verraten. Außerdem wurde das Buch in einer schönen, humorvollen Sprache geschrieben, die meist auch leicht zu verstehen war. Was mir auch sehr gefiel, war die Beschreibung von Nono, der, wie jeder normale Mensch, eine freundliche, vernünftige und eine freche, übermütige Seite hat. Dadurch wirkte die Figur sehr lebendig. Das einzige Störende war der Klappentext, in dem schon der Höhepunkt der Geschichte verraten wurde, auf den sich alles zuspitzt. Doch sonst ist »Zickzackkind« ein rundum gelungener Roman - nicht nur für Kinder!
Roberta Huldisch, 11 Jahre (Die LesArtigen)

Jan Guillou: Evil. Das Böse. Aus d. Schwed. v. Gabriele Haefs, Carl Hanser Verlag 2005, 380 S., ab 14
Das Buch versetzt einen bereits auf der ersten Seite in Entsetzen und ist wegen der nicht vorhersehbaren Lösung fesselnd. Diese Geschichte hat auf jeden Fall eine Botschaft für jugendliche Leser - man soll Gewalt nicht hinnehmen, sondern sich dagegen wehren...... Der Leser kann gut den gedanklichen Auseinandersetzungen Eriks über das Gewaltproblem in der Schule folgen und ist stets zum Nachdenken über eine Lösung angeregt. Der Roman ist sehr umgangssprachlich geschrieben und hat viele sehr brutale, ekelerregende und verletzende Szenen, die manche Leser schockieren werden. Hin und wieder wirken diese Momente aber auch lustig, als zum Beispiel Erik seinem Feind menschliche Exkremente über den Kopf schüttet.
Anna-Maria Nehl, 17 Jahre (Die LesArtigen)

Phillip Gwynne: Wir Goonyas, ihr Nungas. Aus d. austral. Engl. v. Cornelia Krutz-Arnold, Sauerländer im Patmos Verlag 2001, 284 S., ab 13
BOONGS, VERPISST EUCH steht an einem Schuppen im australischen Dorf Port. Einzig Gary stört sich an diesem Spruch, der gegen die Aborigines gerichtet ist. Gary Black wird von allen eigentlich nur Blacky genannt, dabei ist er kein bisschen black - also schwarz. Er ist der zweitunbegabteste Footballspieler und laut Vater ein Weichling. Er wagt es jedoch, sich mit dem Nunga, einem Schwarzen mit Namen Dumby Red anzufreunden. Dumby Red lebt in einem Reservat für Aborigines und ist ein wirklich guter Footballspieler. Doch der Schwarz-Weiß-Konflikt steht zwischen den beiden.
Phillip Gwynne hat dieses Buch aus der Ich-Perspektive geschrieben, so dass man sich gut in die Gefühlswelt des 14jährigen Jungen hineinversetzen kann. Obwohl es in diesem Roman um ein äußerst brisantes Thema geht, das in vielen Büchern eine vordergründige Rolle spielt, wird man hier nur unauffällig davon begleitet. Leider wird die Spannung oft unterbrochen, da viele der Wörter in Anmerkungen lang und breit erläutert werden. Trotzdem empfehle ich dieses Buch, da das Thema Rassismus mal auf eine andere Art und Weise behandelt wird.
Rebecca Hinzmann (Die LesArtigen)

Der 14jährige Gary Black, der von allen Blacky genannt wird, lebt mit seiner zehnköpfigen Familie in einem kleinem Ort in Australien. Wenige Kilometer entfernt liegt ein Reservat der Aborigines, Nungas genannt. Das einzige, was sie und ein paar der Goonyas, der Weißen, verbindet, ist die örtliche Jugend-Footballmannschaft, der auch Blacky angehört. Blacky freundet sich mit dem Nunga Dumby Red an. Als dieser erschossen wird, muss Blacky sich entscheiden: Geht er zu Dumby's Beerdigung oder nutzt er seine letzte Chance, sich mit seinem Vater zu versöhnen? Phillip Gwynne stellt in seinem Buch das Thema Rassismus nicht in den Vordergrund, obwohl es den »roten Faden« in der Geschichte darstellt. Schnell wird man von kleinen, witzigen Geschichten und den schrägen Bewohnern des Dorfs abgelenkt. Außerdem beschäftigt sich Gwynne mehr mit dem Alltagsleben von Blacky, bei dem Rassismus von Seiten seiner Freunde und Bekannten längst dazu gehört. Dieses Buch sollte man unbedingt lesen, da es witzig, tiefgründig und spannend zugleich ist. Die Übersetzerin des Romans Cornelia Krutz-Arnold erhielt den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises, da es ihr stets gelingt, die Frische und Originalität der von ihr übersetzten Bücher zu erhalten.
Hannah Brückner, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Gary hat in dem kleinen australischem Dorf Port eigentlich nie viel zu tun. Das Einzige, was ihn vor der kompletten Langeweile rettet, ist die örtliche Footballmannschaft, die zur Hälfte aus Goonyas - Weißen - und zur Hälfte aus Nungas - Aborigines - besteht. Gary ist zwar kein besonders guter Spieler, doch trotzdem gewinnen er, als erster Ruck (das ist ein wichtiger Spieler beim Australian Football), und seine Mannschaft das Finale der Lokalmeisterschaft. Doch die Freude über den Sieg währt nicht lange, denn Dumby Red, ein Nunga und Garys Freund, überfällt mit ein paar anderen Nungas die örtliche Kneipe und wird dabei erschossen. Für Gary bricht eine Welt zusammen und er sondert sich immer mehr von den Anderen ab. Offensichtlich ist er der einzige Goonya, der über Dumbys Tod nachdenkt. Das Buch beschreibt im Prinzip das Leben in einem südaustralischem Dorf als nicht besonders interessant. Doch Gwynne erzählt so viele Details und kleine Geschichten, dass das Lesen des Buches zunehmend Spaß macht. Das Thema Rassismus steht zwar nicht im Vordergrund, doch es ist immer präsent und ein ständiger Begleiter von Gary, in dessen Dorf Rassismus schon zum Alltag gehört. Das Buch ist zwar nicht umwerfend, aber es ist sehr interessant, wie der Autor die Rassendiskriminierung in dem Dorf mit einer unterhaltsamen Geschichte verpackt. »Wir Goonyas, ihr Nungas« sei allen empfohlen, die sich mit einen witzigen und spannenden Roman mit ernstem Hintergrund befassen wollen.
Jonas Brückner, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Peter Hacks: Liebkind im Vogelnest: Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2006, ab 11 (Nr. 37)
Leberecht lebt friedlich mit seinem geliebten Liebkind im »Großen Garten«. Eines Tages verschwindet dort der weise Gartengott von seinem Sockel. Von hier aus hat er immer über sein Volk gewacht und es regiert. Eine Fahrkarte für das Ende der Welt soll er sich gekauft und keine Rückfahrt geplant haben, erfährt man aus sicherer Quelle, von einer Bahnhofsratte. Kurz darauf weiß auch die böse Fee Grilla Bescheid, die über den verwilderten und verwesten Nachbarsgarten Kerfistan herrscht. Nun ist es an dem neuernannten König Leberecht seinen geliebten Garten vor der hinterlistigen Grilla zu beschützen. Und um Liebkind nicht zu gefährden, verstößt er sie. Liebkind aber ist viel gerissener als Leberecht denkt und verkleidet sich kurzerhand als Gärtnerjunge, um Leberecht insgeheim bei seinem Kampf beizustehen...
»Liebkind im Vogelnest« ist ein wunderbares Buch. Es ist skurril und liebenswürdig gleichzeitig, wofür auch die Illustrationen von Klaus Ensikat sorgen. Trotzdem es wahrscheinlich ein Kinderbuch ist, liegt in der Schreibweise Peter Hacks etwas Schauriges. Es ist ein Buch, das aus Gegensätzen besteht, die seltsamerweise zueinander passen. Obwohl es mir sehr gefallen hat, glaube ich, dass es nicht jedem liegen würde.
Julia Suris, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Michael Harrison: Ins kalte Wasser springen. Aus d. Engl. v. Michaela Kolodziejcok, Altberliner Verlag u.a. 2002, 196 S., ab 12
Er lebt nicht bei seinen richtigen Eltern. Diese Tatsache war James schon länger klar, doch als plötzlich seine richtige Mutter Julia, die er noch nie zuvor gesehen hat, vor der Tür steht ist er schon sehr überrascht. Sie schlägt vor, einen Urlaub »ins Blaue« zu unternehmen, zum Kennenlernen. Der überrumpelte James stimmt zu und so machen sich die beiden auf den Weg. In Norfolk trifft James auf Beth, die Streit mit ihrer Familie hatte und Julia nimmt sie kurzentschlossen mit auf die Tour. Doch bald geht Julia das Geld aus und es stellt sich heraus, dass sie nicht so unschuldig ist wie es scheint. James' und Beths Zweifel erhärten sich, dass dies als normaler Urlaub geplant war...
Das Buch ist teilweise in einer Tagebuchform geschrieben... was recht interessant ist. Der Schwerpunkt liegt zum Glück nicht auf der Mutter-Sohn-Beziehung, wie man vermuten könnte, sondern auf der vermeintlichen Entführung... Wenn man dieses Buch liest »springt man nicht ins kalte Wasser«, sondern schwimmt eher in der lauwarmen »gab's doch schon« Brühe... Trotzdem hat das Buch einen gewissen Reiz, der einen die gerade mal 196 Seiten durchlesen lässt. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass das Buch trotz allem eine bestimmte Unterhaltsamkeit aufweisen kann.
Jonas Brückner, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Alexa Hennig von Lange: Ich habe einfach Glück. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins 2001, 256 S., ab 14
Was von außen wie eine normale Familie wirkt, sieht in Wirklichkeit ganz anders und völlig chaotisch aus: Die 15jährige Lelle ist magersüchtig, ihre Schwester Cotsch haut dauernd von zu Hause ab, die Mutter ist total überfordert und zugleich frustriert und der Vater flüchtet immer in den Keller, um Schuhe zu putzen. Als Lelle sich in Arthur verliebt, den ihre Mutter für einen Stricher und Dieb hält, und Cotsch mal wieder abhaut, kommt Bewegung in den verklemmten Alltagstrott. Das Buch wird aus der Sicht von Lelle erzählt, was dem Leser ihre Gefühlswelt und Ansichten näher bringt. Auch die restlichen Familienmitglieder, die Lelle dauernd versucht zu ergründen, werden dadurch gut beschrieben. Dennoch wirkt das Buch auf mich überspitzt und übertrieben. Alexa Hennig von Lange stellt die extremen Probleme der Familie äußerst nüchtern und distanziert ironisch dar. Aus diesem Grund erscheint der erschreckende familiäre Alltag unglaubwürdig. Außerdem wird der Geschichtsverlauf oft durch verschiedene Rückblenden unterbrochen. Deshalb fällt es manchmal schwer, sich auf den »roten Faden« des Buches zu konzentrieren.
Hannah Brückner, 13 Jahre (Die LesArtigen)

»Ich bin allein«, das denkt sich die 15jährige Ich-Erzählerin Lelle des Öfteren. Obwohl sie mit Vater, Mutter und Schwester in einem Haus wohnt, fühlt sie sich verlassen. Wenn der Vater sich wieder einmal zum Schuhe putzen in den Keller verzogen hat, weil ihm die Situation zu schwierig wird, behauptet die Mutter: »Wir können es uns auch ohne Papa gemütlich machen!« Doch wirklich gemütlich ist es nur selten. Das heißt - eigentlich nie, denn immer ist irgend etwas los. Entweder ist die Schwester WIEDER MAL mit einem Typen durchgebrannt, alle suchen sie und die Mutter bekommt WIEDER MAL eine ihrer vermeintlichen Herzattacken, oder bei Lelle will das Kotzen WIEDER MAL nicht klappen: »Das muss ich noch üben.« Das Blöde ist wirklich, dass alle immer abhauen und Lelle allein lassen, allein mit dem Wunsch nach Liebe. Zum Glück gibt es ja da noch Arthur, der ganz einsam und alleine im Nachbarhaus wohnt. Doch Lelles Eltern haben ja nichts anderes zu tun als damit zu rechnen, dass Arthur, während sie in den Sommerferien sind, bei ihnen einbricht und sie ausraubt. Doch für Lelle ist klar: »Arthur, Arthur, Arthur«, Arthur ist der Eine, den sie will. Authentisch und ironisch-witzig beschreibt Alexa Hennig von Lange das chaotische Leben von Lelle. Auch wenn zunächst alles ziemlich ungewöhnlich klingt, erkennt man doch bald die Parallelen zum »normalen« Leben. All denen, die sich für die möglichen und unmöglichen Probleme des Alltags eines Jugendlichen interessieren, empfehle ich dieses Buch.
Rebecca Hinzmann, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Eine verzweifelte Mutter, die »täglich« einen Herzanfall bekommt, eine durchgedrehte Schwester und ein nicht Anteil nehmender Vater, der bei Lust und Laune in den Keller flüchtet und dort Schuhe putzt. Das ist der natürliche Alltag der magersüchtigen Lelle. Die 15jährige Lelle ist die einzige »Normale« in der Familie, meint sie. Sie ist zwar magersüchtig, wiegt um die 40 kg, aber dreht nicht bei jeder kleinen Sache durch. Ganz im Gegenteil: Sie nimmt immer alles gelassen. Sie liebt ihre Mutter sehr und weiß, dass diese es schwer hat, aber sie kann ihr den Wunsch, einen Teller Nudeln zu essen, nicht erfüllen. Die Mutter ist öfter sehr bedrückt, wenn mal wieder der Vater nicht mit ihr kuscheln will oder sich nicht um die Familie kümmert. Als sie eines Tages nach einer Auseinandersetzung mit Lelles Schwester Cotsch (17) das Haus verlässt und von einem Moped angefahren wird, fängt Lelles Herz an zu klopfen: Sie verliebt sich in den Jungen aus dem Nachbarhaus, in Arthur, den ihr Vater für einen Dieb hält, und der ihre Mutter angefahren hat. Und als Cotsch eines Abends abgehauen ist, suchen Lelle und Arthur sie gemeinsam. In dieser Nacht wird Lelles Traum wahr.
Dieses Buch ist ein amüsanter Roman. Alexa Hennig von Lange beschreibt die Situation ziemlich offen und realistisch. Es ist wie ein Buch voller Gedanken von Lelle. Der Anfang ist leider etwas verwirrend, denn man weiß nicht, ob das Buch nur einzelne kleine Happenings schildert oder Rückblenden. Man verliert nämlich die Hauptgeschichte aus den Augen. Auch ist das Buch in einem ziemlich ironischen Stil geschrieben. Ich habe nicht gleich gemerkt, dass es Ironie ist. Allen, die wissen möchten, wie der Alltag von Jugendlichen auch sein kann, würde ich dieses Buch empfehlen, denn es entspricht auch vieles der Wahrheit.
Anna-Marie Nehl, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Heike und Wolfgang Hohlbein: Drachenfeuer. Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2006, ab 11 (Nr. 18)
In diesem Buch geht es um den Jungen Chris, der die Welt der Feen und Elfen retten soll. Chris hatte sich die Ferien etwas anders vorgestellt. Da war er nun hier in diesem Kaff: Killarney, ein kleines, am Loch Lein liegendes Städtchen in Irland. Als er jedoch den Jungen Llewellyen trifft, beginnen die Ferien interessant zu werden. Chris bemerkt, dass etwas mit Llewellyen nicht stimmt und als er ihn dann in einer unbekannten Sprache reden hört, traut Chris ihm nicht. Durch mehrere Fakten, wie zum Beispiel die Bauarbeiten seines Vaters und das Verhalten Llewellyens, entdeckt er ein Tor im Fels. Als er hindurch geht, gelangt er in die mittelalterliche Welt der Feen und Elfen. Dort wird ihm mitgeteilt, dass die Milesier, ein Volk aus dem Norden, das schöne Land ausplündern und zerstören. Der einzige Weg sie zu bezwingen sei ein Drache. Als jedoch Chris beschließt, den Drachen nicht zu rufen, scheint dieses wunderbare Land seinem Schicksal gegenüber zu stehen... Ich fand dieses Buch sehr gut, da Mittelalter und Fantasystories mich fast immer in den Bann ziehen. Auch die Schreibweise Hohlbeins finde ich einfach klasse. Ich empfehle dieses Buch auf jeden Fall weiter. Vor allem den Fantasyinteressierten.
Philipp Noll, 15 Jahre (Die LesArtigen)

James Krüss: Die glücklichen Inseln hinter dem Winde. Carlsen Verlag 2000, 259 S., ab 10
James Krüss hat ein wunderbares Buch geschrieben. Es handelt von einem Kapitän, der durch Zufall in die Winde einer Inselgruppe gerät und von ihnen an Land getrieben wird. Dort wird er von Menschen und Tieren empfangen und bewirtet. Der Kapitän erzählt dem Autor James Krüss jeden Abend bei einem Glas Wein in Tagebuchform von seinen Erlebnissen. Und es ist kein Wunder, dass James Krüss diese aufschreiben musste, denn der Kapitän hat Außerordentliches erlebt. Die Inseln von denen er berichtet, sind etwas ganz besonders - auf ihnen ist jeder, ob Mensch, Pflanze oder Tier, glücklich. Und die Glücklichen Inseln sind genauso außergewöhnlich wie ihre Namen. Sie heißen u.a. Polipopaja, Mellifera, Paxos, Jou-Jou, Publa Cumba... Publa Cumba besteht zum Beispiel aus einem riesigen Napfkuchen, bei dessen Beschreibung mir das Wasser im Mund zusammengelaufen ist. Auf einer weiteren Insel leben alle berühmten aber schon verstorbenen Maler. Dort gibt es einen Ort, an dem man seinen Traum malen kann. Hier wurde auch das Bild gemalt, dass auf dem Buchumschlag abgedruckt ist: es zeigt ein buntes, fröhliches Schiff, das durch die Nacht reist und auf dem der Kapitän mit seinen Passagieren steht. Wegen des hübschen Covers wollte ich das Buch unbedingt lesen. Die verschiedenen Inselwelten sind mit sehr vie Phantasie und Witz erdacht und beschrieben - das gefällt mir an dem Buch so gut. Alles ist wie aus einer Traumwelt, bunt und fröhlich. Beim Lesen habe ich richtig Sehnsucht bekommen, und wollte die Inseln unbedingt besuchen. Das Besondere an der Geschichte ist, dass sie sicherlich für Kinder geschrieben ist, durch schöne Formulierungen wie »Glücklichen Tag meine Lieben«, Gedichte und viele Dialoge aber auch für Große schön zu lesen ist.
Clara Schattauer, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Guus Kuijer: Wir alle für immer zusammen. Aus d. Niederl. v. Sylke Hachmeister; Ill. v. Alice Hoogstad, Friedrich Oetinger Verlag 2001, 95 S. , ab 10
Als die elfjährige Polleke in der Schule kundtut, dass sie Dichterin werden will, löst das eine Welle von chaotischen Ereignissen aus: Ihr Freund Mimum trennt sich von ihr, sie wird als Rassistin abgestempelt und dann - und das ist das gruseligste - verlieben sich ihre eigene Mutter und der Klassenlehrer Walter ineinander. Kann man sich was Schlimmeres vorstellen? Nein! Schließlich bemerkt sie auch noch, dass ihr UP (= unnormaler Papa) Spiek nicht der große Dichter ist, für den sie ihn hält. Die einzigen Gesprächspartner in Pollekes Krise sind ihre Großeltern und die Kuh Greetje. Dass Polleke Dichterin werden will, ist sehr vorteilhaft für den Leser dieses Buches, denn es ist gespickt mit kleinen, witzigen Gedichten über Gott, Kühe und Freundschaft. Genauso locker-witzig ist das ganze Buch geschrieben, obwohl es durchaus auch tragische Elemente gibt, wie Pollekes kriselnde Freundschaft mit Mimum oder die wahren Machenschaften ihres Papas. Alles in allem ist dieses Buch absolut empfehlenswert für junge Leser mit Spaß an humorvollen und anspruchsvollen Geschichten.
Hannah Brücker, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Robert Leeson: Rot, Weiß & Blau. Ill. v. Bengt Fosshag, aus d. Engl. v. Cornelia Krutz-Arnold, Erika Klopp Verlag 1997, 174 S., ab 12
In dem Buch »Rot, Weiß & Blau« von Robert Leeson geht es um Gawain, kurz Wain. Mit seiner Mutter und seinem Bruder Lance zieht er in eine neue Stadt, sein Vater ist (angeblich) im Falklandkrieg verschollen. Die Familie ist sehr militärisch, Heldentum und Krieg spielen eine große Rolle. Wain setzt sich viel mit dem Thema Gewalt auseinander. Deshalb ist er in der Familie und in der Schule ein Außenseiter. Trotzdem findet er an der neuen Schule Freunde. Und er behauptet sich gegen seinen Bruder, der besser in die Familie passt als er. Mir gefällt das Buch schon deshalb, weil es interessant gestaltet ist: Inhaltlich und farblich ist das Buch dreigeteilt - das zeigt schon der Titel »Rot, Weiß & Blau«. Denn rot, weiß und blau ist das Papier, das Wain von seiner Oma geschenkt bekommt und auf dem er dreimal in unterschiedlicher Form fast die gleiche Geschichte erzählt. Die drei Farben und Erzählformen wechseln sich kapitelweise ab. Allerdings hat nicht jede Farbe den gleichen Textanteil. Erst nach mehreren weißen und roten Kapiteln folgt ein blaues Kapitel, indem alles was vorher schon passiert ist, noch einmal anders erzählt wird. Die Farben erinnern mich sofort an die französische Flagge, doch da es um den Falklandkrieg geht und das Buch in England spielt, sind hier die Farben der englischen Flagge gemeint.
Rot
Auf dem roten Papier schreibt Wain einen Briefroman. Hier erzählt er von seinen wahren Gedanken. Am Rand der Seiten ist eine rot-weiße Illustration zu sehen, die zeigt, wie sich zwei Jungen einen Brief zuwerfen.
Weiß
Auf dem weißen Papier schreibt Wain einen Aufsatz für die Schule. Dies ist die offizielle Version, seine wirklichen Gedanken schreibt Wain hier nicht auf. Am Rand der Seiten ist eine schwarz-weiße Illustration zu sehen, die groß einen Füller und Briefpapier zeigt, etwas kleiner drei schreibende Schüler.
Blau
Auf dem blauen Papier schreibt Wain eine Art Fantasy-Roman, alles spielt nun im Mittelalter. Wenn sich z. B. Wains Bruder wieder auf dem Schulhof kloppt, bricht in der Mittelalterwelt ein Krieg aus. Am Rand der Seite ist eine blau-weiße Illustration zu sehen, die einen Ritter und einen Bettler zeigt. Ich finde diesen Teil am spannendsten, weil er in einer anderen Zeit spielt und es dem Autor sehr gut gelungen ist, Wains Alltag in dieser Welt zu beschreiben. Das Buch gefällt mir sehr gut, weil ich so eine Geschichte noch nie gelesen habe. Obwohl sich vieles wiederholt, fand ich sie nie langweilig. Es ist nur schade, dass der Fantasy-Teil nicht länger war.
Sebastian Bahr, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Paul Maar: Der tätowierte Hund. Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2006, ab 9 (Nr. 20)
Eines Tages trifft der König Löwe im Wald einen seltsamen Reisenden: Einen Hund, der von oben bis unten mit bunten Tätowierungen übersät ist! Und als ob das nicht schon verrückt genug wäre: Wie der Löwe bald erfährt, verbirgt sich hinter jedem Bild eine Geschichte...
»Der tätowierte Hund« ist eine Sammlung von lustigen Kurzgeschichten, die durch kleine Dialoge miteinander verbunden sind. So erzählt der Hund zum Beispiel ein Märchen von zwei frechen Affen, die immer wieder versuchen, einem Händler einen Sack Nüsse zu stehlen. Als es ihnen dann endlich gelingt, will einer der Affen die leckeren Nüsse ganz für sich. Ob das gut geht? Wie in jeder der Geschichten findet man auch in dieser eine Moral, die einem jedoch nicht das Gefühl gibt, belehrt zu werden. Obwohl die Geschichten nicht spannend, zeitweise sogar etwas langweilig sind, wird sich bei diesem Buch wohl kaum einer das Lachen verkneifen können!
Roberta Huldisch, 11 Jahre (Die LesArtigen)

Patricia MacLachlan: Das Gute hinter der nächsten Ecke. Aus d. Amerk. von Cornelia Krutz-Arnold, Ill. v. Peter Klaucke. Sauerländer Verlag 1993, 84 S., ab 10
Im Buch geht es um den 11jährigen Achse, der gemeinsam mit seiner Schwester von seiner Mutter bei den Großeltern zurückgelassen wird. Als einziger in der Familie glaubt er daran, dass sie zurückkommen wird und wartet auf einen Brief von ihr. Doch der Brief kommt nie, stattdessen schickt die Mutter nur Geld. Achse erzählt, wie er mit Hilfe von einer Kamera und einer Kiste alter Fotos in seine Vergangenheit eintaucht und ihn die Hoffnung auf die Rückkehr seiner Mutter nicht loslässt. Dass es um Fotografie bzw. Fotos geht, habe ich schon am Buchumschlag gesehen. Er zeigt ein zerrissenes und wiederzusammengesetztes Foto. Darauf ist ein kleiner Junge zusehen, der von jemandem in die Luft geworden wird. Von wem, ist nicht zu erkennen, denn ausgerechnet dieser Schnipsel fehlt. Hier ist die Abwesenheit der Eltern, von der in der Geschichte erzählt wird, schon abgebildet. Auch ein vorangestelltes Zitat kündigt die Bedeutung der Fotografie für das Buch an. Dort heißt es: »Die Fotografie ist ein Hilfsmittel zur Auseinandersetzung mit Dingen, von denen jeder weiß, ohne sich damit zu befassen.« (Emmet Gowin in: Susan Sontag: Über Fotografie. München, Hanser 1978, übersetzt Gerdtrud Baruch) Das Zitat finde ich sehr schön und es hat mich auf den Text neugierig gemacht. Doch noch vor dem Lesen fiel mir auf, dass auch im Buch Bilder eine große Rolle spielen. Denn jedem Kapitel ist eine schwarzweiße Bleistiftzeichnung vorangestellt. Sie zeigen einen wichtigen Gesichtspunkt des Kapitelinhalts. Viele Illustrationen beschäftigen sich wieder mit dem Thema Fotografie, da sie z. B. Achse mit einer Kamera, einen Stapel Fotos oder auch die Kiste alter Fotos zeigen, die Achse findet. Das Cover, die Illustrationen und der Text greifen so das Thema Fotografie auf, es zieht sich wie ein roter Faden auf mehreren Ebenen durch das Buch. Patricia MacLachlan hat ihre Geschichte mit einfachen Worten geschrieben. Doch ich habe schnell festgestellt, dass sich hinter ihren Worten meist vielmehr verbirgt, als es auf den ersten Blick scheint. Liest man zwischen den Zeilen, bemerkt man die starken Gefühle, die jede einzelne Person hat. Manche Stellen musste ich sogar ein zweites Mal lesen, um den Hintergrund richtig zu verstehen. Ich finde das Buch deshalb ziemlich anspruchsvoll und es gefällt mir darum auch so gut.
Cora-Lou Kutsch, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Patricia MacLachlan: Schere, Stein, Papier. Aus dem Amerikanischen von Hanna Johansen, Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2005, ab 11 (Nr. 6)
Der Sommer ist vorbei, die Sommerfähre mit den letzten Touristen abgefahren. Larkins Familie und die anderen Inselbewohner haben die Insel wieder für sich. Doch plötzlich ist sie da: Sophie, das kleine Findelkind. In eine Decke gewickelt liegt sie in einem Korb vor der Haustür von Larkins Familie. In dem Korb liegt ein Brief von Sophies Mutter. Sie schreibt, sie werde Sophie wieder zu sich holen, bald... Sophie ist gut aufgehoben bei Larkins liebevoller und fürsorglicher Familie. Bei Byrd, Larkins Großmutter, die Sophie von Anfang an lieb gehabt hat, bei Larkin, ihrer Mutter und ihrem Vater, der ihr das Tanzen beibringt und Schere, Stein, Papier mit ihr spielt. Doch alle wissen, dass Sophies Mutter sie irgendwann wieder holen wird. Es ist besser, sie nicht zu lieben, hatte Larkins Vater einmal gesagt, doch da war es schon zu spät, zu spät für sie alle. Sie hatten Sophie in ihr Herz geschlossen und es würde schwer sein, sie gehen zu lassen. Sie würde einfach nicht mehr da sein, wie Larkins kleiner Bruder, der kurz nach seiner Geburt starb. Dann würde ihnen wieder etwas fehlen, das kleine Etwas, dass sich nicht in Worte fassen lässt. Als Sophies Mutter eines Tages vor der Haustür steht, geht allen die gleiche Frage durch den Kopf: Werden sie Sophie jemals wieder sehen?
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es war sehr gefühlvoll geschrieben und obwohl ich dicke Bücher lieber mag als dünne und dieses Buch mit seinen 126 Seiten nicht sehr lang war, habe ich es sehr gerne gelesen und würde es auf jeden Fall weiterempfehlen. Nichts war zu ausführlich geschrieben, trotzdem war das Buch verständlich und nachvollziehbar. Ich habe immer weiter gelesen, da ich sehr auf den Schluss gespannt war...
Izabela Strojny, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Koos Meinderts: Sag Leen zu mir. Aus d. Niederl. v. Mirjam Pressler, Ill. v. Maren Briswalter, Cecilie Dressler Verlag 1996, 85 S., ab 9
Leen lebt bei einer Pflegefamilie. Hier sind alle nett zu ihm, doch trotzdem möchte er, dass es so wird wie früher. Seine Koffer packt er nicht aus, denn er hofft, dass seine Mutter ihn schon bald wieder abholt. Doch sie ist schwer krank. Und die Ärzte sagen, dass es noch dauern kann, bis sie wieder gesund wird. Das Buch ist in der Ich-Form erzählt. Dadurch bin ich Leen beim Lesen sehr nah gekommen und fand die Geschichte spannend. Obwohl es eine ernste Geschichte ist, habe ich manchmal vermisst, dass man irgendwo lachen kann. Sehr gut haben mir die schwarz-weiß Illustrationen gefallen, die zu der Stimmung der Geschichte passen.
Nicola Scholz, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Wlodzimierz Odojewski: Ein Sommer in Venedig. Aus d. Poln. v. Barbara Schaefer, Schirmer Graf Verlag, München 2007, 125 S., ab 12
»Er überlegt, wann er wohl zum ersten Mal von Venedig gehört hat.« Und das war schon sehr früh. Denn Marek, die Hauptperson, will schon als kleiner Junge nach Venedig. Die ganze Familie war dort, nur er noch nicht, das muss sich ändern. Doch wider Erwarten wird das auf Grund des nun beginnenden Zweiten Weltkrieg nichts und Marek muss zu seiner Tante aufs Land. Dort entsteht im Keller des Hauses ein ganz eigenes Venedig. Hier wird gefeiert, um den dort draußen wütenden Krieg zu vergessen. Das ist es, was mir am meisten gefällt, der Gegensatz zwischen dem Krieg, also der Realität, und Venedig, in dem einfach nur Glück herrscht. Im Keller sind alle Sorgen vergessen und Marek kann wie der Junge auf dem Cover träumen und Gondoliere spielen. Das Glück, das im Keller herrscht, hat sich beim Lesen in mir ausgebreitet. Mir wurde warm und ich konnte die Stimmung genau fühlen. Das war auch an anderen Stellen so, z. B. als Marek im Garten Obst pflückt und dabei ein Mädchen kennen lernt. Ich fühlte mich plötzlich in eine Situation versetzt, die ich als Kind in einer Kirschplantage erlebt hatte. So genau und feinfühlig ist das Buch, es steht bei meinen Lieblingsbüchern. Es ist für Leute geeignet, die gerne nachdenken über solche wie Marek und über sich selbst. Obwohl ich noch nie in Venedig war, denke ich, ein schöneres als dieses verträumte, beruhigende und glückliche wie im Buch, gibt es nicht.
Clara Schattauer, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Francois Place: Die letzten Riesen. Aus d. Franz. v. Marie Luise Knott, Ill. v. Autor, C. Bertelsmann Verlag 1996, 78 S., ab 10
»Es geschah während eines Spaziergangs über das Hafengelände. Als ich jenen Gegenstand kaufte, der mein Leben verändern sollte - einen riesengroßen Zahn.« So beginnt das Buch von François Place, dass wie der Name schon sagt, von Riesen handelt. Es handelt von dem englischen Forscher Archibald Leopold Ruthmore, der sich im Jahre 1850 auf die Suche nach dem Ursprung des Zahns macht. Und dabei im innern Asiens die angeblich letzten Riesen dieser Welt entdeckt. Einmal angefangen, konnte ich dieses Buch nicht mehr weglegen. Ich musste es in einem Rutsch durchlesen. Die Reise des Forsches hat mich gefesselt, da sie sehr, sehr spannend erzählt wird und mich mitgerissen hat. Die Geschichte ist in der Ich-Form geschrieben, der Forscher Archibald Leopold Ruthmore erzählt. Er geht ins Detail, ohne dabei langweilig zu sein. Zum Beispiel berichtet er, wie er sich fühlte, als die Männer seiner Expedition massakriert werden. Ohne viele Worte zu verlieren oder langatmig zu sein. Und doch so, dass ich es mir beim Lesen genau vorstellen konnte. Das hat mir besonders gut gefallen. Eine Art Nachwort stammt vom allwissenden Erzähler. Hier erfährt der Leser, was aus Ruthmore nach seiner abenteuerlichen Reise zu den Riesen wird. Das Buch endet so, wie es beginnt, nämlich mit dem Zahn. Dort heißt es: »Aber niemals erzählte er ihnen von jenem seltsamen Gegenstand, der in der Tiefe seines Seemannskoffers ruhte - dem Zahn eines Riesen.« Außerdem hat das Buch viele anschauliche Illustrationen, die vor allem die Riesen zeigen. Mir war der Text aber wichtiger als die Bilder. Obwohl sie mir gefallen haben, hat mich vor allem die Geschichte fasziniert. Dieses Buch ist meiner Meinung nach für 8-13 jährige Jungen und Mädchen geeignet, die wie ich Abenteuergeschichten lieben.
Vincent Viebig, 11 Jahre (Die LesArtigen)

Peter Pohl: Unter der blauen Sonne. Aus d. Schwed. v. Birgitta Kicherer, Arena Verlag 2002, 191 S., ab 14
Das Geschehen selbst erzeugt kaum Spannung. Spannend aber ist die Welt, die der Autor geschaffen hat. Der Leser erfährt nie die ganze Wahrheit und muss sich viel dazudenken... Das macht einen großen Anreiz aus... andere Aspekte machen das Buch ebenfalls interessant, z.B. gelingt es dem Verfasser perfekt, die düstere Atmosphäre im Heim auf den Leser zu übertragen. Oder wie Tim sich allmählich von der Konditionierung durch die Kontrolle löst... Weiterhin ist spannend, dass auch Tim offensichtlich mehr und mehr dem Einfluss der giftigen Umwelt zum Opfer fällt. Das äußert sich... folgendermaßen: Am Anfang drückt Tim sich noch sprachlich korrekt aus, doch mit der Zeit schleichen sich immer mehr Fehler in seine Ausdrucksweise ein, was seine zunehmende Verwirrung tadellos widerspiegelt. Später benutzt der Autor parallel immer weniger Wörter, was gleichzeitig die Intensität des Buches weiter anspitzt... Und der Sensationen noch nicht genug, folgt einer unglaublichen Behauptung im Nachwort dann noch eine Interpretation des Verfassers selbst, was ebenfalls sehr interessant ist, da es ja nicht alle Tage vorkommt, dass ein Autor sein eigenes Werk interpretiert. Dieses sprachlich revolutionäre Buch sei jedem empfohlen, auch denen, die sich nicht für Science-Fiction erwärmen können...
Jonas Brückner, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Beim Lesen dieses Buches kann sich der Leser von seinem Alltagsleben lösen und sich in eine andere Umgebung hineinversetzen... Die Form, die Peter Pohl für diese kühl-sachliche Erzählung gewählt hat, ist besonders beeindruckend. Bei mir hat es den Eindruck von einem Tagebuch erweckt, in dem Tim seine Erforschungen und Entdeckungen niederschreibt. Leider hat der Autor dabei fast keine Gefühle beschrieben. Die Charaktere scheinen alle gleich zu sein, so dass man die konkreten Persönlichkeiten nicht erkennen kann. Sehr merkwürdig ist auch die Sprache, die zwar die Außergewöhnlichkeit des Buches unterstreicht, die aber ein ständiges Durcheinander und eine Verwirrung beim Lesen bewirkt... Vielleicht hat Peter Pohl bewusst seinen kritischen Blick bezogen auf unsere Welt dargestellt, damit der Leser schließlich selber seine eigenen Schlüsse ziehen und sich Gedanken machen kann.
Anna-Maria Nehl, 14 Jahre (Die LesArtigen)

Tilde Michels: Kleiner König Kalle Wirsch. Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2006, ab 9 (Nr. 34)
Diese Kindergeschichte von Tilde Michels handelt von Max und Jenny, die den Erdmännchenkönig Kalle Wirsch durch die Erde begleiten. Bei den Erdmännchen gibt es einen Brauch, dass jeder der König werden möchte, dies durch einen Wettstreit mit dem jetzigen König werden kann. Dies überlegte sich auch der böse Zoppo Trump. Er hatte sich eine List ausgedacht, um Kalle vom Thron zu stürzen. Er will ihn verschleppen, so dass er nicht pünktlich zum Wettstreit kommt, denn dann würde er, Zoppo, neuer König der Erdmännchen werden. Doch Kalle ahnt nichts davon. Als er versehentlich in einen Gartenzwerg gesteckt wird, scheint für ihn die Lage und die Chance noch pünktlich zu kommen aussichtslos. Doch da trifft er die Kinder Max und Jenny, die sich bereit erklären ihm zu helfen. Eine abenteuerliche Reise beginnt...
Ich fand diese Buch sehr gut, obwohl ich nicht auf Kinderbücher stehe. Die phantasievolle Art wie es geschrieben ist und die schöne Ausdrucksweise der Autorin machen es zu einem empfehlenswerten und schönen Buch. Ich finde, dass es außerdem gut zum Vorlesen wäre. Eine rundum schöne Gute-Nacht-Geschichte! Super!
Philipp Noll, 15 Jahre (Die LesArtigen)

Hermann Schulz: Auf dem Strom. Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2006, ab 12 (Nr. 35)
Friedrich Ganse ist in den 30er Jahren als deutscher Missionar in Afrika ein sehr angesehener und geschätzter Mann, sogar bei den Engländern, die Afrika zu dem Zeitpunkt noch besetzen. Eines Tages wird er von seinem Freund, dem afrikanischen König Usimbi, zur Lösung eines Problems mit den Engländern nach Kigoma, einer kleinen Stadt in Afrika, gerufen. Nur ungern nimmt er die Bitte an, weil seine Frau und seine Tochter krank sind. Als er nach einigen bewältigten Hindernissen wieder nach Hause kommt, erwartet ihn ein harter Schlag: Seine Frau liegt tot im Bett und der Zustand seiner Tochter Gertrud ist lebensgefährlich. Auf den Rat eines Nachbarn hin, nimmt er ein Boot. Vor ihm liegen tagelange Strapazen, um Gertrud zu einem europäischen Hospital zu bringen. Auf seinem Weg trifft er viele Einheimische, die seiner Tochter auf ihre Weise zu helfen wissen. Zuerst ist der Missionar abgeneigt gegen ihren »teuflischen Zauber«, wie er es nennt, merkt aber mit der Zeit, dass die Mittel der Afrikaner dem Mädchen tatsächlich helfen...
Das Buch beinhaltet eine schöne Geschichte, die mich jedoch nicht sehr berührt hat. Am Schreibstil von Hermann Schulz ist nichts auszusetzen, er ist aber auch nicht spannend oder aufregend. Wenn es nicht zum größten Teil aus Wiederholungen bestehen würde, z. B., dass der Missionar bei seiner Reise mehrere Male von Afrikanern mit Speeren in seinem Boot angehalten wurde, wäre mir das Buch bestimmt interessanter erschienen. Aus der knappen Inhaltsangabe auf der Rückseite wusste ich schon, dass das Mädchen überleben würde. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte ich das Buch bestimmt lieber gelesen. Der Geschichte fehlt das »Besondere«, dass ein Buch haben sollte, und die Illustrationen passten meistens nicht zum Inhalt.
Julia Suris, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt. Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2006, ab 13 (Nr. 24)
Der siebzehnjährige Phil lebt mit seiner Mutter Glass und seiner Zwillingsschwester Dianne in dem abgelegenen Städtchen »Visible«. Da seine junge Mutter immer wieder kurze Affären hat, hat Phil niemals das Gefühl kennengelernt, einen Vater zu haben. Der Traum, seinen Vater und seine große Liebe zu finden, lässt ihn nicht mehr los. Er möchte ein Leben außerhalb von Visible führen, weit weg von den »kleinen Leuten«, den Menschen in Visible, die ihn und seine Familie missachten und verspotten. Er ist fest entschlossen eines Tages nach Amerika zu reisen, um dort seinen Vater zu finden.
Mir hat das Buch nicht gefallen, denn viele Dinge fand ich zu weit hergeholt, manche sogar unrealistisch. In dem Buch wurden Sachen beschrieben, die ich gar nicht so genau wissen wollte (zum Beispiel wie Phil mit seinem Freund Nicholas geschlafen hat). Zu lange Sätze und verwirrende Zeitsprünge haben das Lesen nicht gerade leicht gemacht. Dem Buch fehlte der gewöhnlich in Büchern vorhandene Höhepunkt und die Spannung, die einen drängt, immer weiter zu lesen. Vor allem für junge Leser ist das Buch nicht zu empfehlen, da, wie gesagt, bestimmte Dinge zu genau beschrieben werden.
Izabela Strojny, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Shelley Tanaka: Auf der Titanic. Aus d. Engl. v. Eva Bobzin, Ill. v. Ken Marschall, Carlsen Verlag 1996, ab 11
In dem Buch erzählen Harold Bride und Jack Thayler. Durch den Funker und den Passagier erlebe ich das Abenteuer der Titanic vom Ablegen, vom Untergang und von der Rettung durch die Carpathia mit. Zum Teil in Tagebuchform geschrieben umfasst das Buch die Tage vom 10. April 1912, 10.30 Uhr bis zum 15. April 1912 18.00 Uhr. Dieser erzählende Fließtext wird von Sachtexten ergänzt. Immer wenn auf einer Seite ein Seil erscheint, trennt es den Fließtext von Sachinformationen. Das Seil führt wie ein roter Faden durch das Buch. »Auf der Titanic« ist gut zu lesen, da ich zwischen beiden Textarten wählen kann. Deshalb ist das Sachbuch sehr interessant und gar nicht langweilig. Da die Autoren mit Augenzeugen gesprochen haben und sie zu Wort kommen lassen, erfahre ich jede Menge über das Schiff und die Katastrophe. Alle Abbildungen kommen im Querformat des Buches gut zur Geltung. Die Details, die durch Bilder und Fotos unterstützt werden, finde ich auch für junge Leser lesenswert. Ihnen muss man schwierige Begriffe erklären. Was zum Beispiel ist ein »Typhon«? Oder ein »Telegraf«? Das Buch gefällt mir, weil ich mein Wissen, welches ich schon über die Titanic hatte, erweitern konnte. Schon immer fand ich das Thema Titanic spannend und empfehle das Buch an andere weiter.
Sebastian Bahr, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Klaus Vater: Sohn eines Dealers. Ravensburger Buchverlag 2001, 126 S., ab 12
Seitdem Christian weiß, dass sein Vater Dealer ist, wird seine Welt zerfetzt. Er hasst Dealer: Vater macht Kinder kaputt. Christian, seine Schwester Sonja und ihre Mutter können froh sein, dass sie noch nicht in die Geschäfte des Vaters mit reingezogen wurden. Doch als der Vater erstochen wird, ändert sich alles: Christian wird von Männern aus dem Drogenmilieu bedroht, die auf der Suche nach Rauschgift sind, das sein Vater angeblich versteckt haben soll. Doch damit nicht genug: Schulausschluss, Trainingsverbot und Gerüchte, die durch einen schlecht recherchierten Zeitungsartikel entstanden sind, sorgen dafür, dass sich zunehmend mehr Wut und Verzweiflung in Christian anstauen. Als Christian sich eine Waffe besorgen lässt, eskaliert die Situation: Er erschießt einen Dealer.
Leute, die auf Unterhaltung und Lesespaß aus sind, können »Sohn eines Dealers« gleich wieder beiseite legen, denn die extrem drückende Stimmung und das äußerst brisante Thema machen das Buch nicht gerade leicht verdaulich. Der Autor beschreibt nüchtern wie in einem Bericht, fast schon mit einer regelrechten Kaltblütigkeit die schockierenden Erlebnisse von Christian. Verstärkt wird dieser Eindruck durch kurze, knappe Sätze, die alle in der Gegenwart geschrieben sind. Im Buch kommt zwar keine typische Krimi-Spannung auf, aber interessierte Leser legen es trotzdem nicht so schnell aus der Hand. Der erschreckende Schluss des Buches lässt durchblicken, dass solch eine Geschichte fast jedem passieren kann und von immer weniger Menschen beachtet wird. (LesArt-Kinderjury: Begründung zur Verleihung des Kinder-Krimi-Preises Emil, gestiftet von Dussmann - Das KulturKaufhaus in 2002)

Anne C. Voorhoeve: Lilly unter den Linden. Ravensburger Buchverlag 2004, 254 S., ab 11
Als ihre Mutter stirbt, steht die 13jährige Lilly ganz allein da. Lilly lebt im Westen, ihre einzigen Verwandten, die Familie ihrer Tante, im Osten Deutschlands, in der DDR. Nachdem sie ihre Tante Lena bei der Beerdigung der Mutter kennenlernt, fasst sie den Entschluss, ihr nach Jena zu folgen, nach dem Motto: Lieber zusammen in der DDR als allein im Westen. Ihre Freundin ist entsetzt: »Niemand geht in die DDR - alle sind heilfroh, wenn sie da wegkommen! Davon wirst du auch schon gehört haben - dass die Leute sich lieber auf der Flucht abknallen lassen, als in der DDR zu bleiben!« Doch Lilly lässt sich nicht von den Berichten über Außenklos und graue Städte abschrecken. Sie wagt die Flucht in die DDR, erfüllt von dem Gedanken, endlich Teil einer liebevollen Familie zu sein. Ihr Weg führt sie erst nach Ostberlin. Denn »Unter den Linden« trafen sich Lillys Eltern damals, um in den Westen zu fliehen.
Anne C. Voorhoeve spricht mit ihrem Buch eine Zielgruppe an, welche die Teilung des Landes entweder gar nicht oder nur teilweise wahrgenommen bzw. miterlebt hat. Und doch regt diese Geschichte an, darüber nachzudenken, was der bestehende Ost-West-Konflikt für genau diese Generation bedeutet. Eingebettet in eine rückblickende Rahmenhandlung erzählt die Autorin eine bewegende, traurige, wundervolle Geschichte und schafft den Vergleich von Ost und West ohne jegliche Wertung.
Hannah Brückner, 16 Jahre (Die LesArtigen)

Mats Wahl: KILL. Aus d. Schwed. v. Angelika Kutsch, Carl Hanser Verlag 2005, 263 S., ab 14
Kriminalinspekteur Harald Fors' dritter Fall steht unter keinem guten Stern. Gleich zu Beginn wird er brutal zusammengeschlagen und ausgeraubt. Unter dem Diebesgut ist auch seine Dienstwaffe. Von Schuldgefühlen und Verletzungen geplagt, will Fors erst einmal gesund werden. Doch kurz darauf kommt es in der Vinkingaschule zu einer schrecklichen Gewalttat: Mehrere Kinder werden verletzt und erschossen. Zunächst gibt es keine Anhaltspunkte zu Täter oder Motiv. Als sich aber herausstellt, dass es sich bei der Mordwaffe um Fors' Pistole handelt, wird die Sache für ihn noch schwieriger. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn die Justizministerin und die Presse wollen Ergebnisse sehen und in der Stadt entwickelt sich zunehmend ein explosives Klima von Rassismus, Misstrauen und Angst. »Kill« ist ein spannender und intelligenter Krimi, der dem ersten, ebenfalls sehr guten Harald-Fors-Krimi »Der Unsichtbare« in nichts nachsteht. Diesmal aber ermittelt Fors nicht alleine, vielmehr bekommt man Einblick in die gesamte Polizeiabteilung, die sich mit dem Fall beschäftigt. Klar im Mittelpunkt stehen aber Fors und sein Kollege Stjernkvist, die allerdings nicht gemeinsam, sondern parallel ermitteln. »Kill« besitzt aber neben dem Krimiaspekt auch noch eine andere Seite. Mats Wahl beschreibt Rassismus, Korruption, Polizeigewalt. Er lässt die Protagonisten auf die Polizei und das Bildungssystem schimpfen. Er lässt sie erzählen von sozialem Elend, von schlechten politischen Verhältnissen und vom Import amerikanischer Esskultur - und all das in Schweden, von dem man denkt, es habe solche Probleme nicht oder zumindest nicht in einem Ausmaß, wie beispielsweise in Deutschland. Diese »Kommentare« zur Lage in Schweden werden nur ab und zu eingestreut und doch prägen sie das Buch entscheidend mit. Auf diese Weise gewinnt es auch eine gewisse politisch Brisanz. Eine dritte Auffälligkeit ist, wie Mats Wahl die Menschen in seinem Buch beschreibt. Er zeigt auf ihre großen und kleinen Fehler hin, mit teilweise schonungsloser Genauigkeit. Alles in allem ist »Kill« ein ausgezeichneter Roman, der mehr ist als nur ein Krimi. Für Fans schwedischer Qualitätskrimis auf jeden Fall empfehlenswert.
Jonas Brückner, 16 Jahre (Die LesArtigen)

Mats Wahl: Der Unsichtbare. Aus d. Schwed. v. Angelika Kutsch, Carl Hanser Verlag 2001, 190 S., ab 13
Hilmer ist verschwunden! Seine Eltern, seine Verwandten und das ganze Dorf suchen nach ihm, ohne Erfolg. Schließlich wird Kommissar Fors auf den Fall angesetzt. Doch die Ermittlungen erweisen sich schwieriger als zuerst angenommen. Fors hat das Gefühl, dass ihm die Leute etwas Wichtiges verschweigen und auch sonst sind die Einwohner des Dorfes nicht besonders gesprächsbereit. Erst als der Kommissar herausfindet, dass eine Gruppe rechtsradikaler Jugendlicher Hilmer schon seit längerer Zeit auf dem Kieker gehabt hat, kommt er mit seinen Recherchen voran. Der verschwundene Junge wird schließlich auch gefunden, doch damit ist das Buch noch nicht zu Ende: Hilmer schwebt in höchster Lebensgefahr und die rechtmäßige Bestrafung der Täter ist ungewiss. Was sich wie ein ganz normaler »Durchschnittskrimi« anhört, ist in Wirklichkeit ein spannender, vielschichtiger und teilweise auch erschreckender Krimi, der sich mit Rassismus befasst. Im Prinzip weiß man zwar von Anfang an, wer die Verbrecher sind, doch das mindert die Spannung nicht im geringsten. Besonders interessant zum Beispiel (und namensgebend für das Buch) ist, dass Hilmers »Geist« unsichtbar dem Geschehen beiwohnt. Die Geschichte wird also teilweise auch aus der Sicht von Hilmer erzählt, wobei er allerdings nicht aktiv in das Geschehen eingreift. Der Unsichtbare ist ein beeindruckendes Plädoyer gegen rechtsextreme Gewalt und ihre Folgen.
Jonas Brückner, 12 Jahre (Die LesArtigen)

»Es war an einem der ersten Tage im Mai, als Hilmer Eriksson entdeckte, dass er unsichtbar geworden war.« Hilmer Eriksson ist ein bewundernswerter Junge. Er setzt sich gegen Rechtsradikale ein und hilft bei der Verteidigung von Ausländern. Aber jetzt ist er unsichtbar. Leute, die sich an rechtsradikale Bewegungen angeschlossen haben, haben ihn misshandelt. Die Neonazis Anneli, ein sehr starkes Mädchen, Henrik und Bultermann haben ihn schwer verwundet. Als Hilmer von einem Polizisten, Harald Fors, durch Fragen und Suchaktionen aufgespürt wird, liegt er bereits im Sterben. Die Täter werden kurz vor seinem Tod gefasst. Langsam verweht der unsichtbare Junge nach seinem Tod im Krankenhaus. Seine Freundin Ellen trauert sehr, denn er ist ihre große Liebe gewesen. Sie ist von Hilmer schwanger und froh, dass wenigstens ein Teil von ihm bei ihr bleiben wird.
Dieses Buch ist ein klassischer Krimi, der lesenswert ist. Es hat einen schönen Schreibstil, in dem der Autor alle Objekte in der Nähe erläutert und beschreibt. Man kann sich die Situationen des Buches genau vorstellen: Wenn der Polizist ein Fisherman's Friend in seinem Volvo lutscht, hilft diese genaue Beschreibung, etwas deutlich vor sich zu sehen. Es wird auch nicht nur der Fall beschrieben, sondern man kann auch die »normale« Atmosphäre erkennen. Dass heißt, dass Alltagssituationen eine Rolle spielen und nicht nur der Fall. Aber die Namen sind schwer zu merken. Leute, die das nicht so gut können, müssten fast einen Block und Stift zu Hand nehmen, denn es wird manchmal nur der Vorname, Spitzname oder auch nur der Nachname genannt. Dadurch wird es sehr kompliziert. Es ist auch etwas mühsam, dass fast immer nur wörtliche Rede angewandt wird. Enttäuschend ist es auch, dass Hilmers Gefühle sehr selten beschrieben werden. Dennoch ist »Der Unsichtbare« ein empfehlenswertes Buch.
Anna-Marie Nehl, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Am Montagmorgen entdeckt Hilmer Eriksson, dass er unsichtbar ist. Keiner seiner Klassenkameraden bemerkt ihn. Und dann kommt auch noch der Polizist Harald Fors, um die Schüler zu Hilmers Verschwinden zu befragen. Das bringt ihn völlig zur Verzweiflung. Aber es gelingt Hilmer nicht, die anderen auf sich aufmerksam zu machen. Er entschließt sich, die Ermittlungen mit zu verfolgen. Was ist passiert? Hilmer hatte kürzlich in seiner Schule eine Auseinandersetzung mit einer rechtsradikalen Gruppe. Hat sein Verschwinden wirklich etwas damit zu tun? Er kann sich nicht erinnern. Nicht einmal wie seine Eltern aussehen, weiß er.
In »Der Unsichtbare« greift Mats Wahl das erschreckende und stets aktuelle Thema Rechtsradikalismus auf. Er schildert sehr realistisch und genau die Ermittlungen von Harald Fors. Trotz der vielen Einzelheiten wird das Buch nicht langatmig. Auch Hilmers Gefühle werden gut beschrieben.
Eva Christalle, 13 Jahre (Die LesArtigen)

Als Hilmer Eriksson bemerkt, dass er unsichtbar geworden ist, liegt sein Körper schon halbtot im Wald. Während er als »Geist« die Ermittlungen von Kommissar Fors beobachtet, findet dieser bald heraus, dass es an Hilmers Schule eine rechtsradikale Gruppierung gibt. Erst kürzlich hat Hilmer mit dieser einen Konflikt gehabt. Zufall? Dass Hilmers Verschwinden tatsächlich etwas damit zu tun hat und wer die Täter sind, ist eigentlich von Anfang an klar, doch die Spannung wird dadurch nicht im Mindesten gesenkt. Im Gegenteil!
Obwohl Mats Wahl die Hauptfigur »unsichtbar« werden lässt, finde ich die Geschichte sehr realistisch und mitreißend geschrieben.
Laura Kirsch, 12 Jahre (Die LesArtigen)

Ange Zhang: Rotes Land Gelber Fluss. Eine Geschichte aus der chinesischen Kulturrevolution. Aus d. Engl. v. Friedbert Stohner, Carl Hanser Verlag 2007, 56 S., ab 11
Dieses autobiographische Sachbuch erzählt von der chinesischen Kulturrevolution. Der Autor Ange Zhang ist der Sohn eines Künstlers, der in der Kulturrevolution - wie alle anderen Künstler - von Rotgardisten verfolgt wird. Diese Rotgardisten sind Helfer zum Umsetzen der Revolution, sie wollen, dass die alte Kultur verschwindet. Anges Vater wird verhaftet, aber trotzdem wird Ange Rotgardist. Diese ganze Zeit konnte ich gut nachvollziehen, dass da alles was passiert, einmal aus der Sicht des »Opfers« und einmal in der Form eines Sachbuchs beschrieben wird. Diese beiden Formen zusammen finde ich gelungen. Manchmal konnte ich den Jungen Ange gut verstehen. Ich erinnerte mich an eine Situation, in der Freunde andere ärgerten, ich eigentlich nicht mitmachen wollte, aber dann doch mit der Mehrheit die anderen ärgerte. Die Bilder sind vom Autor gemalt und unterstützen den Text. Die Farben sind klar und eindringlich. Ich empfehle dieses Buch, weil es viel erzählt und trotzdem nicht langweilig ist. Der letzte Satz sagt etwas über die Dinge aus, die während der ganzen Kulturrevolution gefehlt haben: »Ich folgte der Straße an einen Ort voller Farbe, Schönheit, Freude und Menschlichkeit.«
Sebastian Bahr, 13 Jahre (Die LesArtigen)

xyz - wir für uns
Boris Akunin: Pelagia und der rote Hahn. Aus dem Russischen von Olga Kouvchinnikova und Ingolf Hoppmann, Goldmann Verlag 2004, 542 S.
Ein Mann wird auf einem Schiff tot aufgefunden. Seine leblose Hand umklammert einen abgerissenen Geldschein. Mord, so lautet das Urteil des Untersuchungsführers Dolinin, Raubmord. Es scheint kein besonders interessanter Fall zu sein, zumal der Mörder bekannt ist. Doch der Schein trügt (was sonst?). Bei der Leiche handelt es sich um den Propheten Manuila, der von seinen Anhängern als Messias verehrt und von seinen Feinden als Antichrist geächtet wird - und bereits vor wenigen Wochen ermordet wurde.
Welcher der toten Manuilas ist nun der richtige? Oder lebt der echte gar noch?
Gott sei Dank befindet sich auch die Nonne Pelagia auf dem Schiff, die ihrem Bischof zwar versprochen hat, nie wieder Kriminalfälle zu lösen, nun aber natürlich zu ermitteln beginnt. Kein Wunder, schließlich halten auch ihren Fernsehkollegen Pfarrer Braun, mit dem regelmäßig ein ernstes Wörtchen gesprochen wird, keine Beteuerungen der Welt auf. Es gäbe ja keinen Krimi, wenn der geistliche Ermittler seine Hände tatsächlich in den ehrwürdigen Schoß legen würde. »Pelagia und der rote Hahn« bildet den Abschluss von Boris Akunins Romantrilogie um die kluge Nonne Pelagia, die ihr kriminalistisches Gespür mit der Muttermilch aufgesogen hat. Es ist jedoch nicht nötig, die vorangehenden Fälle gelesen zu haben, um sich an diesem zu erfreuen.
Vielleicht sind es auch zu viele Figuren mit schwierigen Namen, die der Leser in dichter Reihenfolge kennen lernen muss, doch Cliffhanger am Ende der meisten Kapitel verhindern ein voreiliges Weglegen des Buches. Die besonders im ersten Kapitel verwendete Form der erlebten Rede und ein Erzählstil, der kantenlos zu sein scheint, betören. Und welcher Leser kann sich schon häufig verwendeten rhetorischen Fragen entziehen? Der Mordfall gestaltet sich zwar komplizierter als es auf den ersten Blick scheint, aber nur etwas. Lediglich ein Aufbrechen der Chronologie, ein Wechselspiel zwischen mehreren Perspektiven und viele Nebenepisoden verhindern eine allzu schnelle Auflösung - und Langeweile.
Zwar werden die Früchte, die Antisemitismus und Fanatismus schon im 19. Jahrhundert tragen, vor Augen geführt, doch glücklicherweise ohne mahnenden Zeigefinger. Mit einem nie nachlassenden Augenzwinkern wird erzählt: Kuriose, geradezu karikaturhafte Randfiguren wie der profitgierige Fremdenführer Salach, der nicht einmal Herr seines eigenen Harems ist, oder fotografierwütige, allzeit begeisterte Touristen, bevölkern die Seiten des Buches und entringen wohl jedem Leser ein Lächeln. Es ist auch ein großes Glück, dass Pelagia viel reist: Wie Donna Leons Krimis, die zu einem nicht zu verachtenden Teil durch ihre Venedig-Kulisse bestechen, fasziniert Akunins Buch wohl durch die fernen, exotischen Gegenden, in welche die Nonne aufbricht. Manchmal meint man förmlich neben Pelagia zu stehen und an bunten, orientalischen Märkten vorbeizuschlendern, von Kopf bis Fuß verschleierte Frauen zu bestaunen und die Hitze auf der eigenen Stirn zu spüren.
Da es im Gegensatz zum typischen Krimi nicht um eine bloße Mördersuche geht, wird im letzten Kapitel nicht der Vorgang des Mordens samt Motiv vor dem Leser ausgebreitet. Stattdessen liefert es ein Wunder; das Ende ist offen. So kann man die Augen schließen und in seiner Fantasie an Pelagias Seite die letzte Station der Reise antreten. Eine solche Gelegenheit ist das wohl schönste Geschenk, das ein Autor seinem Leser zu bieten hat.
Yulia Marfutova (xyz 25)

Friedrich Ani: Wie Licht schmeckt. Deutscher Taschenbuch Verlag 2005, 222 S., ab 14
Lukas hat nur einen Wunsch zu seinem 14. Geburtstag. Er will drei Tage lang einfach nur durch die Stadt laufen. Und diesen erfüllt er sich auch. Er geht einfach los. Läuft los ohne Ziel, ißt hier und da mal was, trifft komische Leute und irgendwann fällt er wegen einem blinden Mädchen eine Rolltreppe runter. Er ist beeindruckt davon, wie sicher sie sich verhält: Sonja kommt allein durch die Stadt, arbeitet in einem kleinen Lokal und geht ins Kino und schwimmen. Da nimmt sie ihn dann auch mit hin. Und rettet ihn vorm Ertrinken. Nach der ersten Nacht in der Stadt, besucht er Sonja. Noch nass vom duschen steht Sonja auf einmal vor ihm.
»Die Berührung war genau da, wo sie sein sollte. Oder doch? Nein. Ihre Finger. Ich spürte ihre Finger. Wieso denn jetzt? Und ich traute mich nichts zu sagen. Weil sie blind war. Weil sie eine Behinderte war und man nett sein musste. Erst lockte sie mich her und dann machte sie mit mir rum.« Obwohl Lukas eine sehr intensive Beziehung zu ihr aufbaut und ihre Gegenwart genießt, bleibt Sonja für ihn eine Behinderte. Und so trennen sich ihre Wege dann auch wieder.
Episodenhaft und kurz reihen sich Sätze und Absätze aneinander, die diese flüchtige Begegnung zwei doch so unterschiedlicher Protagonisten schildern. Lukas Gedankenfetzten kommen roh, abgehackt und etwas übertrieben ungehobelt, vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass ich als Mädchen andere Gedankengänge habe. Und mit welcher Kühle Lukas in den schönsten, nicht ganz unangenehmsten Momenten immer wieder das Wort "behindert" in seinen Gedanken aufkommen lässt, war für mich von unverständlicher Brutalität. Leider lässt Friedrich Ani nur an einigen wenigen Stellen die vom Klappentext ausgehenden intensiven Gefühlseindrücke anklingen und erfüllt so nicht ganz das, was man sich von einer solchen Beschreibung vorgestellt hat.
Sarah Friedemann (xyz 27)

Margaret Atwood: Die Penelopiade. Der Mythos von Penelope und Odysseus. Aus d. Engl. v. Malte Friedrich, Deutscher Taschenbuch Verlag 2007, 171 S.
Mythen sind Geschichten, die immer wieder und immer wieder neu erzählt werden wollen. Sie stammen aus einer Zeit der oralen Tradition, in welcher der Begriff "Plagiat" noch nicht existierte, und verzweigen und vermehren sich zu unzähligen Varianten. Jede Variante ist wahr, so wahr wie ein Mythos eben sein kann, und jede hat ein Recht, erzählt zu werden. Der schottisch-englische Verleger Jamie Byng hat unter Beteiligung von über dreißig internationalen Verlagen ein literarisches Großprojekt ins Leben gerufen, das sich zum Ziel gesetzt hat, renommierte Schriftsteller uralte Mythen der Menschheit erzählen zu lassen. So wurde auch Margaret Atwood an den Schreibtisch gebeten. Entstanden ist jedoch keine dröge herunter geschriebene Auftragsarbeit, sondern eine schillernde »Penelopiade«, deren Lektüre Spaß macht. Die Autorität Homer wird als »nicht wasserdicht« rasch Beiseite geschoben, andere Quellen zur »Odyssee« hinzugezogen und emanzipiert-pragmatische Sichtweisen Odysseus Frau Penelope in den Mund gelegt.
In Margaret Atwoods Geschichte kommen diejenigen zu Wort, die bei Homer nur warten und schweigen: die Frauen. Retrospektiv erzählt Penelope aus dem Hades von arrangierten Hochzeiten, von Machtpolitik und Intrigen. Nicht Mitleid heischend, nicht einmal klagend, sondern selbstironisch-lakonisch kommt sie daher, sodass eine flüssige, eine witzige Prosa entsteht, die die Götter vom Olymp herunterholt und aus ihnen Menschen macht. Von Angst ist die Rede. Von Seekrankheit. Von all den Trivialitäten, die zum Leben gehören, auch zu unserem.
Nichts ist alt an Atwoods Text. Darüber können weder der bekannte Stoff noch die eingeschobenen, antiken Dramen nachempfundenen Chorgesänge hinwegtäuschen. Die Sprache ist modern, der Inhalt erst recht. Kritisch wird nicht nur die subordinierte Stellung der Frau beleuchtet, sondern die gesamte, viel zu oft pauschal glorifizierte antike Gesellschaft. Bewusst lässt die kanadische Autorin Mägde zu Wort kommen, Menschen, die nichts zu sagen hatten. Hier dürfen sie nun sinnieren, sie, ausgerechnet die Mägde, die Odysseus, der Gute, schnurstracks erhängte. Weil er als Hausherr das Recht dazu hatte, und weil er es so wollte.
»Die Penelopiade« ist ein moderner Epos, der zum Nachdenken anregt. Darüber, dass sich in den letzten zweitausend Jahren viel verändert hat. Darüber, dass sich in den letzten zweitausend Jahren nicht viel verändert hat. Es gibt nach wie vor arrangierte Hochzeiten. Selbst mitten im sogenannten zivilisierten Westen. Und es existieren noch Neid, Hass und Gewalt. Aber auch Liebe. Und vor allem: viele Fragen.
Atwoods »Penelopiade« ist alles andere als penetrant moralisierend, an keiner Stelle wird der Zeigefinger erhoben. Penelope und ihre Mägde zwitschern ihr Schicksal munter in einer Sprache, die klar und fröhlich wie ein gestreifter Badeanzug ist. Nur zwischen den Zeilen wird es ernst. Und darin liegt die Stärke des Buches.
Yulia Marfutova (xyz 27)

Sergio Bambaren: Der träumende Delphin. Eine magische Reise zu dir selbst. Aus d. Engl. v. Sabine Schwenk, Ill. v. Heinke Both, Piper Verlag 1999, 94 S.
»Wir alle haben Träume [.] Nur dass manche unermüdlich darum kämpfen, ihre Bestimmung zu erfüllen, wie hoch das Risiko auch sein mag, während andere ihre Träume einfach ignorieren, aus bloßer Angst zu verlieren, was sie besitzen. Ihnen wird niemals bewusst, welchen Sinn ihr Leben eigentlich hat.«
Daniel Delphin ist ein Träumer, einer, der ganz anders ist als all die anderen Delphine in seiner Lagune. Er glaubt an einen Sinn im Leben, der tiefsinniger ist, als Fischen, Essen und Schlafen. Sein Traum, die perfekte Welle zu finden, treibt ihn in die Welt hinaus, lässt ihn Abenteuer bestehen, die Stimme des Meeres hören und seinen Horizont erweitern. Er findet neue Freunde, hilft wo er kann und berührt mit seiner Naivität den Leser zutiefst. Sergio Bambaren verbindet in seinem seit Jahren auf der Bestsellerliste des »Buchreports« verweilenden Roman, seine Liebe für die Weiten und Schönheiten des Ozeans mit seiner Leidenschaft für den Surfsport und beschreibt auf einfach traumhafte Art und Weise die Empfindungen und Erlebnisse des Delphins Daniel. Wer vergessen hat wie man träumt, wird es mit diesem Buch wieder neu erlernen und zwar noch bildreicher und farbenfroher als zuvor. »Der Träumende Delphin« ist eine leichte Lektüre für einen Sonntagnachmittag, wenn die beste Freundin gerade keine Zeit hat, die Familie außer Haus ist oder der Fuß vom letzten Fußballspiel immer noch schmerzt. Es ist auf jeden Fall für alle eine Bereicherung.
Sarah Friedemann (xyz 22)

Chris Bos: Der Club der verliebten Dichter. Aus dem Niederländischen von Sonja Fiedler-Tresp, Erika Klopp Verlag 2003, 203 S., ab 13
Das pinkfarbene Cover mit dem großen Herzen trügt. Eine gewöhnliche Liebesschnulze ist Chris Bos' erster Jugendroman sicher nicht. Den »Club der verliebten Dichter« muss man nicht einmal zwangsläufig als Liebesroman lesen. Natürlich sind - wie der Titel schon sagt - die jungen Dichter, die sich regelmäßig zum Vorlesen ihrer Lyrik treffen, verliebt und schreiben Liebesgedichte. Doch der zweite große Handlungsstrang, in welchem es um Poesie und deren Unvereinbarkeit mit Kommerz geht, ist teilweise reizvoller als der Gefühlswirrwarr einiger Teenager. Die Gedichte der jungen Dichter dienen ihnen jedoch nicht nur zu tiefschürfenden und amüsanten Gesprächen, sondern charakterisieren sie auch. Natürlich sind einige kuriose Gestalten dabei, die für ein kurzweiliges Lesevergnügen sorgen. Da wäre zum Beispiel Herman, der sich stets altertümelnd gibt. Oder Raaf, der aus dem Stegreif eine Ballade über den Stuhlgang eines Ferkels grölt. Es ist fast egal, dass die Charaktere in der Realität sich wohl nie in einer vergleichbaren Konstellation gefunden und so viel Stoff für kleine Nebengeschichten gegeben hätten. Schade ist nur, dass in der zweiten Hälfte des Buches die Diskussionen über Poesie abnehmen und der Ich-Erzähler Lennart zu lange braucht, um schließlich zu erkennen, dass seine vermeintliche große Liebe nie etwas anderes als einen guten Freund in ihm sehen wird. Und dass sie nicht einmal eine gute platonische Freundin abgibt. Ungewöhnlich offen und beinahe kommentarlos werden die Verliebtheiten und Beziehungen aller Clubmitglieder erzählt. Man ahnt, dass der Schauplatz keinesfalls Deutschland sein könnte. Die niederländische Mentalität scheint eine völlig andere zu sein: Die Charaktere handeln ungewohnt aufgeschlossen und es fehlt an Reflexion, an einer Instanz, die urteilt und verurteilt. So wird die Affäre einer Schülerin mit dem sehr viel älteren und verheirateten Chorleiter seelenruhig zur Kenntnis genommen und nicht einmal ansatzweise zum Ausgangspunkt eines moralischen Konfliktes. Dieser lakonische Erzählstil aber macht das Buch erst zu dem, was es ist, verleiht ihm seinen ganz eigenen, ganz persönlichen Charme.
Yulia Marfutova (xyz 24)

Elizabeth Bowen: Das Haus in Paris. Aus dem Engl. v. Sigrid Ruschmeier, Rowohlt Taschenbuch 2005, 406 S.
1935. Ein Haus in Paris bringt zwei Kinder wie zufällig zusammen - für einen Tag.
Leopold, der seine Mutter treffen will, trifft auf Henrietta, ein sensibles und vornehmes Mädchen. Seine trockene und erstaunlich erwachsen wirkende Art und ihr Verständnis stoßen sich ab, trotzdem ziehen sie einander an.
Ms Fisher, Naomi, ist hilfsbereit und melancholisch. Naomi ist geduldig und erträgt alles - wie sie damals die Affäre ihres Verlobten Max mit ihrer besten Freundin Karen duldete. Alle, außer der einfühlsamen Henrietta, verbindet diese Liebesgeschichte.
In dem Wechsel von der Gegenwart zur Vergangenheit erzählt »Das Haus in Paris« die Geschichte von Karen und Max. Karen war eine junge Frau, verlobt, unsicher, aber dennoch selbstbewusst. Und Max war Naomis Mann, ein wenig seltsam, auffallend. Und obwohl Karen zuerst eine Antipathie zu Max verspürt, verleiten sie ein Blick und eine Berührung im Garten dazu, sich zu verlieben. Sie können nicht mehr ohne einander leben.
Das Buch ist eines der besten, das ich je gelesen habe. Die Poesie des Buches liegt in der Erzählweise. Kleinigkeiten, die einem im wahren Leben vielleicht auch bedeutend vorkommen, in Bücher so oft kaum eine Rolle spielen, in diesem jedoch die Hauptrolle übernehmen, lassen einen ins Buch eintauchen, in die Situation. Elizabeth Bowens Stil ist nicht einfach zu beschreiben. Jedes Detail der Geschichte wirkt lebensecht, Reaktionen sind nicht vorherzusehen, die Charaktere sind ungewöhnlich und ungeschliffen. Man sieht, man hört, man spürt den gesamten Roman. Vielleicht ist er melancholisch, vielleicht fühlt man sich ein wenig leer, weil man die ganzen unglücklichen Schicksale so lebendig miterlebt. Nichts wird übertrieben, aber auch nicht vertuscht. Aber es ist großartig, einen Roman zu lesen, der einen berührt und der andres ist, als alles andere.
Julia Suris (xyz 25)

Katharina von Bredow: Verliebt um drei Ecken. Verlag Beltz & Gelberg 2005, 354 S., ab 12
Katrin geht in die neunte Klasse und ihre beste Freundin Frida ist das beliebteste und schönste Mädchen der Schule. Katrin ist stolz darauf, Fridas beste Freundin zu sein, aber als Adam in die Klasse kommt, ist plötzlich alles noch komplizierter als es ohnehin schon ist. Denn Adam ist der tollste Junge, den Katrin je kennen gelernt hat. Aber verlieben darf sie sich nicht, denn Frida hat ein größeres Anrecht auf ihn. Schließlich ist sie Katrins beste Freundin. Und viel hübscher ist sie auch. Aber Adam scheint das anders zu sehen, denn er nimmt Katrin in den Arm, er küsst sie sogar. Weiß er etwa nicht, dass er sich in Frida verlieben soll? Und dann passiert es doch: Katrin verliebt sich in Adam und Adam verliebt sich in Katrin - so stark, dass es nicht mehr zum Aushalten ist.
Ein Roman über die erste große Liebe, über die Freuden und Leiden einer »besten Freundschaft« und darüber, wie dann vielleicht doch noch alles gut werden kann. Mit »Verliebt um drei Ecken« hat Katarina von Bredow wieder einmal einen Roman geschrieben, den man nicht wieder zur Seite legt, ehe man nicht auch das letzte Wort gelesen hat. Für alle unglücklich Verliebten, die nicht verstehen warum die Liebe nicht einfach mal einfach sein kann und alle glücklich Verliebten, die sich wieder zurückerinnern wollen um die Leiden der unglücklich Verliebten besser zu verstehen!
Sarah Friedemann (xyz 22)

Kevin Brooks: Martyn Pig. Aus dem Engl. v. Uwe-Michael Gutzschhahn, Deutscher Taschenbuchverlag 2004, 286 S., ab 14
»Es gibt Momente im Leben, da musst du Dinge tun, die du absolut nicht willst. Du musst sie tun, du hast keine andere Wahl. Es hat keinen Sinn, sich zu wünschen, die Situation wäre anders, sich zu wünschen, du könntest die Uhr zurückdrehen, sich wünschen, du hättest noch eine zweite Chance, denn die Dinge sind nicht anders, du kannst die Uhr nicht zurückdrehen und du kriegst keine zweite Chance.« S.113
So fühlte sich Martyn Pig oft, besonders nachdem er seinen Vater kurz vor Weihnachten unabsichtlich umbrachte. Aber er ist nicht traurig über das Geschehene, eher geschockt, denn sein Vater war Alkoholiker und nicht sonderlich nett zu ihm. Doch nun hat er ein weiteres Problem am Hals, wohin mit der Leiche? Er konnte nicht zu Polizei gehen, denn er hatte seinen Vater ja selbst umgebracht, er konnte die Leiche nicht einfach im Wohnzimmer liegen lassen, dann dort wohnte er ja schließlich. Hilfesuchend wendet er sich an seine Freundin von gegenüber. Sie half ihm zwar, doch eine wahre Freundin war das auch nicht.
Dieses Buch ist mehr als überraschend, es erstaunt. Die Einfachheit der Sprache, die so viel Wahrheiten über das Leben enthält, alles scheinbar ausgesprochen von einem 15-jährigen Jungen. Was soll ich da noch mehr sagen, außer, dass das Buch sich am besten selbst bewirbt:
»Alkohol. Er saugt dir das Leben aus dem Gesicht und ersetzte es durch seinen eigenen stummen Glanz der Dummheit.« S.123
»Wenn du erst mal akzeptiert hast, dass etwas getan werden muss, egal was, dann schaffst du das gewöhnlich auch.« S.172
Ich könnte endlos so weiter zitieren, denn mein Buch zierten oben einen ganzen Batzen an kleinen Zetteln, die die besten Stellen markierten. Ich habe besonders jetzt im Rückblick angefangen dieses Buch zu lieben, denn so einfach es erscheint, so komplex ist es, wenn man darüber nachdenkt. Und immer mehr dieser Wahrheitsbröcken befördert der Verstand aus dem Meer von gelesenen Worten zu Tage.
»Ich hatte keine Wahl. [.] Das Einzige, was du tun kannst, wenn du mit so etwas konfrontiert bist, ist dich fragen: Was ist das Schlimmste, das jetzt passieren kann? Und dann los.« S.113
Das einzige, was ihr noch tun müsst, ist das Buch zu lesen, denn Spaß macht es auf jeden Fall.
Elena Geib (xyz 25)

Adain Chambers: Nachricht aus dem Niemandsland. Aus dem Englischen von C. Holfelder-von der Tann, Ravensburger Verlag 2006, 438 S.
So erfreut ich war, Aidan Chambers mit seinem unglaublichen Wortwitz live erlebt zu haben, so gespannt war ich darauf, ein Buch von ihm zu lesen und so enttäuscht wurde ich von seinem Buch "Nachricht aus dem Niemandsland" schon auf Seite 15, als da folgendes stand:
»Zwei simultane Aktionen brachten [Jack] zu schweigen. Tons Lippen die flüchtig den Geist eines Kusses auf seine hauchten. Und ihre Hand, die seine fest auf ihren Schritt presste, wo er deutlich ein kompaktes Set aus Penis und Hoden fühlte.«
Jack ist ein Tourist in Amsterdam. Er kennt sich folglich nicht sonderlich gut aus. Auf seinem Stadtbummel trifft er auf Ton, ein Mädchen, dass er versucht anzumachen und sie ihm ein Bier spendiert. Als sie wieder los muss, spielt sich die oben zitierte Szene ab.
Ich habe das Buch in einem Regionalexpress gelesen und der Zug war nicht gerade leer, doch als mir der Sinn dieser Passage klar wurde, schrie ich spitz auf und schmiss das Buch meinem Freund in den Schoß. Natürlich drehten alle Leute sich zu mir um, doch ich war noch komplett paralysiert von der Gelesenen, so dass ich es kaum mitbekam. Normalerweise bin ich, weiß Gott, nicht zimperlich, aber das war irgendwie doch zu hart. Ich hatte immer noch dieses Bild des weißhaarigen, spitzbübischen, aber gediegenen Aidan Chambers im Kopf und dann bekomm ich so etwas von ihm zu lesen. Ich habe bis jetzt jedes Buch, das ich angefangen habe zu lesen, tapfer bis zum Schluss verfolgt, doch für dieses Buch habe ich erstmals diese eiserne Regel durchbrochen. Ich habe noch keinen blassen Schimmer, warum der Autor so hoch mit Auszeichnungen dekoriert ist. Wer das Buch trotz dem lesen möchte:
Und wer mich daraufhin eines besseren belehren möchte, der schreibe eine E-Mail an die Redaktion.
Elena Geib (xyz 25)

Eoin Colfer: Artemis Fowl - Die Akte. Aus dem Engl. v. Claudia Feldmann, List Verlag 2006, 173 S.
Wie hat es Holly Short trotz ihres Geschlechts geschafft, Officer der Aufklärung unter Commader Root zu werden? Wie kam es zu der Kooperation zwischen dem jungen Meisterdieb Artemis Fowl und dem goldgierigen und ehrgeizigen Zwerg Mulch Diggums?
Zwei Geschichten, brillant wie jedes der Bücher der »Artemis Fowl«-Reihe, liefern die Antworten. Sie sind komplex, verwoben und voller trockener Humor. Diese Geschichten sind informativ, also das, was ein "Artemis Fowl"-Liebhaber braucht. Das einzige, was man an ihnen aussetzen könnte, ist - zu wenig Artemis Fowl selber. Aber in Kurzgeschichten wie diesen, die beide nicht direkt oder nur zum Teil von Artemis handeln, hätte man ihm kaum einen größeren Part einräumen können. »Die Akte« liefert den Schlüssel zu dem Buch der Unterirdischen (das einer Bibel ähnelt) samt Alphabet. »Die Akte« klärt, was genau die Eigenschaften der verschiedenen Unterirdischen sind, und welche Arten Unterirdischer es überhaupt gibt.
»Die Akte« schließlich charakterisiert die wichtigsten und beliebtesten Helden, außerdem gibt es Interviews mit Artemis Fowl in Person, Butler, Holly Short, Commader Root, dem Zentauren Foaly und Eoin Colfer.
Überall immer noch der für Eoin Colfer üblicher Witz.
Eigentlich könnte man an dieser Stelle sagen, dass dieses Buch perfekt ist.
Tue ich aber nicht, weil es bei mir den fahlen Geschmack der Unzufriedenheit hinterlassen hat.
Nach dem Lesen merkte ich, wie wenig ich eigentlich erfahren hatte - aus diesen 180 Seiten. Die Interviews lassen Artemis Fowl nicht bewundernswerter, Holly Short nicht heldenhafter erscheinen. Das Verzeichnis der Arten der Unterirdischen haben bei mir als begeisterten »Artemis Fowl«-Leserin keine Wissenslücke gefüllt. Und schließlich der Schlüssel zu dem Buch: Seiten, die vor mir gedruckt liegen und darauf warten, entschlüsselt zu werden. Wurde aber nicht in dem ersten »Artemis Fowl«-Band gesagt, dass die Zeichen spiralförmig um die Mitte herum angeordnet sind?! In »Der Akte« war dies nicht der Fall. Hier standen sie europäisch von links nach rechts geschrieben!
Nur die Geschichten waren wirklich wunderbar. Vielleicht hätte Eoin Colfer zwei längere Vorgeschichten, oder mehrere kürzere schreiben können. Ich will einfach mehr von diesen rasanten, witzigen Erzählungen!
Julia Suris (xyz 25)

Eoin Colfer: Meg und die Liste der vier Wünsche. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann, List Verlag 2005
Hat Eoin Colfer eine Vorliebe für irische unvolljährige Verbrecher?! Nun macht nicht nur Artemis Fowl die Welt unsicher, jetzt gibt es auch Meg Finn.
14jährig, vorlaut und doch ziemlich unglücklich bricht sie mit Belch, einem ebenfalls pubertierenden Dieb, bei einem Rentner namens Lowrie McCall ein.
Belchs Pitbull Raptor verbeißt sich jedoch in dem Bein von Lowrie, der die beiden mit einem Gewehr erwischt. Meg und Belch fliehen. Belch ist wütend auf Meg und will ihr Angst einjagen, indem er eine Kugel über ihren Kopf abfeuert. Er schießt genial daneben. Er trifft einen Gastank. Sie sind sofort tot.
Was erwartet einen nach dem Tod? Reinkarnation? Ein unruhiges Herumirren der Seele? Himmel und Hölle? In der Geschichte um Meg Finn ist letzteres der Fall. In dem Tunnel, in dem sich die Wege der verstorbenen scheiden, die Guten mit der blauen Aura durch die Tore des Paradieses schreiten und die Bösen mit der roten Aura für immer dazu verdammt werden, in der Hölle zu schmoren, entfacht Megs Aura, die leuchtend violett ist, einen Streit. Außerdem vermischt sich Belchs Seele mit der seines Hundes - heraus kommt ein bizarres Mensch-Hund-Wesen.
Meg muss noch einmal auf die Erde zurück, um sich das ewige Leben im Paradies zu verdienen, sagt der Apostel Petrus. Satan jedoch begehrt Megs Seele, weil er in ihr Listigkeit und Intelligenz zu entdecken glaubt. Sein Assistent Beelzebub muss in Angst um seinen Job zu allen schmutzigen Tricks greifen, um Megs Geist auf der Erde dazu zu bringen, Böses zu vollbringen, damit sie reif ist für die Hölle. Und was käme ihm da gelegener, als ein Belch-Raptor-Geist, der sich sowieso an Meg rächen will? Der Roman ist »Artemis Fowl« verdächtig ähnlich. Die Hölle ist technisch in etwa auf dem gleichen Stand, wie die Unterirdischen in »Artemis Fowl«. Ansonsten gibt es die oben schon erwähnte Ähnlichkeit der Helden. Die Charakter sind in »Meg Finn« allerdings wieder so erfrischend neu, wie bei »Artemis«, und die Ideenvielfalt und der freche Stil von Eoin Colfer überraschend. Die Konfrontation des Rentners Lowrie und mit der blutjungen Meg, also von Jung und Alt, der typische Kampf von Gut und Böse, die Rache und das Vergeben, sind von Eoin Colfer ungewöhnlich klischeefrei dargestellt. Das vollkommene Happy End war nach der Raserei durch das Dies- und Jenseits ziemlich entspannend. Und so ist das Buch jedem zu empfehlen, der ein "Artemis Fowl"-Fan ist, denn es steht diesem weder im Sujet noch in etwas anderem nach.
Julia Suris (xyz 25)

T. Cooper : Lipshitz. Aus d. amerik. Engl. v. Brigitte Jakobeit, Marebuchverlag 2006, 460 S.
Pogrome in ihrem russischen Heimatort bringen die jüdische Familie von Esther und Hersch dazu, mit ihren Kindern in die USA auszuwandern. Auf Ellis Island vor New York verlieren sie eines ihrer Kinder - den platinblonden Ruben.
Jahre später durchdringt die Liebe zu einem einzigen Menschen das ganze Land, ein Idol überfliegt den Ozean und hinterlässt einigen Glücklichen einen Fetzen Segeltuch seines Flugzeugs »Spirit of St. Louis«. Dieser Mann ist Charles Lindbergh. Und wird von Esther für ihren, bereits erwachsenen, Ruben gehalten.
Der zweite Teil handelt von einem Mann oder einer Frau, der oder die DJ ist bei Bar-Mitzwas, und auftritt als Eminem-Double. Die Eltern dieser Person verunglücken und er oder sie muss zu seiner oder ihrer Heimatstadt fahren, das Erbe mit dem inkompetenten Stiefbruder aufteilen und sich um das Begräbnis kümmern. Die verstorbenen Eltern waren Miriam, Esther und Herschs Enkeltochter, und ihr Mann Morris T. Coopers Schreibstil wechselt nach dem ersten Teil von »Lipshitz« von einem abwechslungsreichen, aber nicht wirklich originellen in einen autobiographisch klingenden, rauen und interessanten.
Im ersten Teil beängstigen die Pogrome und einmal gab es eine so schlimme Szene, dass ich nicht weiterlesen wollte, wenn noch mehr solche Szenen kamen. Als ich aber über den ersten Schrecken hinweg war, wusste ich, dass ich doch noch das Ende erfahren wollte. Nachdem mich mein Vater entwarnte (er las es auch gerade), setzte ich mich noch einmal an das Buch. In diesem Roman werden sehr viele Themen auf ziemlich engem Raum behandelt - die Pogrome und Judenverfolgung, Liebe und Heirat, Homosexualität und Personenkult. Im zweiten Teil schließlich Selbstfindung und Verlust von Menschen.
»Lipshitz« ist eine Familiensaga, und ich fand es wie immer sehr interessant, über mehrere Generationen zu lesen. Das Buch ist auf jeden Fall kein Buch, das man nebenbei lesen kann zum Entspannen, sondern eins, für das man sich Zeit nehmen muss. Wegen dem rauen Stil und den Figuren, die man erst nach einiger Zeit ins Herz schließen kann, würde ich sagen, dass es ein Buch von der Sorte »harte Schale, weicher Kern« ist.
Julia Suris (xyz 26)

Zoran Drvenkar: Was geht wenn du bleibst. Carlsen Verlag 2005, 83 S.
Ein Gedichtband mal ganz anders, kein Goethe, kein Rilke, einfach nur Zoran Drvenkar. Aneinandergereihte Eindrücke, Erinnerungen, Gefühle, Wünsche, ganz einfach Empfindungen von Zoran, in denen jeder Leser Erinnerungen, Gefühle, Wünsche, ganz einfach Empfindungen von sich wiederentdeckt, die Vergangenheit wieder aufleben und die Neugierde auf das Kommende wachsen lässt. Gedichte, nicht nur für hoffende Jugendliche (Mädchen wie Jungen), die sich finden, noch finden müssen und sich nach Verständnis und Nähe sehnen, sondern auch für L(i)ebenserfahrene, die glauben, noch nicht alle kleinen Eben- und Unebenheiten des Lebens gefunden zu haben.
Zoran Drvenkar gibt mit seinem Gedichtband »Was geht wenn du bleibst« auf einfache, charmante und rührende Art und Weise Einblick in seine Lebens- und Gefühlswelt. Auf jeden Fall ein muss für jedes Bücherregal!!!
Sarah Friedemann (xyz 22)

Christine Feher: Jeder Schritt von dir - Die Geschichte einer Stalkerin. Sauerländer im Patmos Verlag 2006, 196 S., ab 13
So, wie ein jeder Angst vor der Dunkelheit und der Ungewissheit hat, so sehr fürchtet Arved sich vor der Gewissheit, dass Alexandra ihn verfolgt, egal, wo er steht, sich bewegt, was immer er tut, ihn sieht, ihn beobachtet.
»Jeder Schritt von dir« von Christine Feher beschreibt die Entwicklung eines Mädchens vom Kind zu einem Teenager mit sehr starken Verlustängsten. Ihr einziger Halt: Die ständige Kontrolle. Vom Vater früh verlassen, von der Mutter nie so sehr und offen geliebt und behütet, wie sie es gebraucht hätte, flüchtet sich Alexandra in eine, ihrer Phantasie entsprungenen Liebe zu einem Jungen, dem sie nur zufällig begegnete. Auf unterschiedlichen Wegen findet Alexandra die Informationen, die sie braucht, um bei Wind und Wetter unter Arveds Fenster stehen zu können, ihn auf seinen Trainingsstrecken für den Marathon in New York zu beschatten oder die Adresse seiner Freundin ausfindig zu machen. Sie schreibt ihr Briefe, die Alexandras Träume von Liebesnächten mit Arved bis ins kleinste Detail schildern.
Ein Perspektivwechsel, bringt dem Leser die wachsende Angst Arveds vor Alexandras Terror näher. Die Trennung von seiner Freundin, die nicht mehr weiß, wem sie glauben soll, das verlorene Vertrauen in Mädchen und Frauen, die er neu kennen lernt. Seine Angst vor der gewohnten Umgebung, die ihm sonst Sicherheit und Hilfe bot, auf dem Weg seine Ziele zu verwirklichen, die ein junger Mensch hat, Träume, die ein jeder für sich verwirklichen will.
Ein Roman, der sowohl Jugendlichen als auch Erwachsenen einen Einblick in das emotionale Chaos einer Stalkerin und ihres Opfers erlaubt und so widersinnig es sein mag, auf beiden Seiten auch für Verständnis und Mitleid sorgt, mal mehr mal weniger. Die Autorin schafft es dem Leser Ängste und Leiden eines Menschen in der einen, wie in der anderen Situation verstehen zu machen. Ein beeindruckender Roman über die Liebe der anderen Art.
Sarah Friedemann (xyz 27)

Monika Feth: Der Mädchenmaler. C. Bertelsmann Verlag 2005, 320 S., ab 14
Ilka hat ihren Vater bei einem Autounfall verloren. Seitdem reagiert ihre Mutter nicht mehr auf ihre Umwelt und lebt in einem Heim. Auch Ilka hat die Vergangenheit weggeschlossen und ein neues Leben begonnen. Von ihrem Bruder Ruben will sie nichts mehr wissen. Nur einer kann die Tür zu ihrem Inneren aufstoßen:
»Mike war der einzige Mensch, dem sie die eine oder andere Tür zu ihrem innern geöffnet hatte. Wenige nur ganz vorsichtig und bloß auf einen schmalen Spalt, jederzeit bereit, sie bei der geringsten Irritation wieder zuzuschlagen. Sie kannte Mike nun seit drei Jahren, aber sie bewegten sich immer noch wie auf Eis.«
Doch was ist es, was sie so unnahbar macht? Genau diese Frage stellen sich auch Jette und Merle, die neuen Mitbewohnerrinnen von Mike. Bevor sie genaueres herausfinden, ist Ilka spurlos verschwunden. Bald gehen sie davon aus, dass Ruben was damit zu tun hat. Warum wollte Ilka bloß keinen Kontakt mehr zu ihm?
Dieses Buch hat genau das, was man von einem guten Thriller erwartet. Der Leser wird noch vor den Protagonisten in die Ereignisse eingeweiht. Die Geschichte kommt ohne langatmige Gedankenabschweifungen zur Sache. Schon nach den ersten Seiten fällt die absolut komische Erzählperspektive auf. Merle erzählt in der Ich-Perspektive. Die anderen Hauptfiguren erhalten auch ihre Textabschnitte, dich sich besonders mit ihren Gedanken befasst - doch jetzt wird wieder in der Erzählerperspektive geschrieben. Eigentlich hatte nur der Name Ilka (der Name meiner Mutter) mein Interesse an diesem Buch geweckt, doch ich konnte es kaum aus der Hand legen, denn - auch das ist zu erwarten - eine solche Handlungskurve zwingt einen zum Weiterlesen.
Maria Grötzinger (xyz 23)

Jana Frey: Der verlorene Blick. S. Fischer Verlag 2005, 169 S., ab 12
Stell dir vor du bist 15, 25, 35 . Jahre alt und das Leben gehört dir. Du lebst deinen Alltag. Hast eine Familie. Freunde. Liebe. Und plötzlich ist nichts mehr wie es war. Du brauchst Hilfe beim Gehen. Denn du läufst gegen jeden Schrank. Deine Mutter muss dir deine Kleidung wieder auf den Stuhl legen, der neben deinem Bett steht. So wie früher. Denn für dich sehen alle Dinge gleich aus. Vielleicht findest du sie nicht einmal. Nachdem du zu Mittag gegessen hast, siehst du aus wie ein kleines Kind, das gerade ein Eis gegessen hat. Doch wenn du in den Spiegel schaust siehst du nichts. Nichts als Dunkelheit. Stell dir das mal vor!
So geht es Leonie.
Sie lebte wie ein normales Mädchen.
Sie ging zur Schule. Mit all ihren Freunden.
Sie lernte das Leben kennen. Mit ihrer Familie. Und mit Frederick.
Sie hörte vielleicht nur einmal nicht die warnenden Worte ihrer Eltern.
Und plötzlich ... Dunkelheit .
»Der verlorene Blick« beschreibt die Geschichte eines Mädchens, dass lernt, mit den grausamen Folgen eines Unfalls umzugehen. Wieder laufen zu lernen. Wieder leben zu lernen. Zuzulassen, geliebt zu werden und die Ängste, verletzt zu werden, neu zu beherrschen. Ich selbst weiß noch, wie es war, immer wieder zu hören: »Schnall dich an!!!« und die Begründung, die damit verbunden war. Wie damals wächst noch heute der Trotz in mir, weil ich keine Lust habe, immer wieder auf das zu hören, was mir gesagt wurde. Außerdem ist es ohne Sicherheitsgurt viel bequemer als mit - »Ich kann mich doch viel besser bewegen!« Dieses Buch zeigt uns, dass es nicht in unserer Macht liegt ein Auto so zu steuern, dass wir heil zu Hause ankommen. Es ist nicht gut Trotz über Vernunft siegen zu lassen. Es ist nicht gut, zu vergessen einen Handgriff zu tun, der unser Leben so stark beeinflussen kann. Jeder von uns kennt die Warnungen: »Mach keine Kerzen an, wenn du allein zu Hause bist!«, »Geh nicht bei rot über die Straße!« oder »Schnall dich bitte an!«. Leonie ist ein Mädchen, das einmal nicht daran erinnert wurde, was zu tun ist. In einem bestimmten Alter möchte man gern seine eigenen Fehler machen; lies dieses Buch und entscheide dann: Reicht es nicht manchmal, wenn andere für uns Erfahrungen sammeln?
Sarah Friedemann (xyz 23)

Jana Frey: Luft zum Frühstück. Loewe Verlag 2006, 170 S., ab 12
Ihr neustes Werk »Luft zum Frühstück« zeigt die Entwicklung eines Mädchens von den Kindertagen in Italien bis zum Erwachsenwerden in Deutschland, und ihren Wunsch nach dem Dünnsein, der sie bis in die Magersucht treibt. Serafina kommt bald in die achte Klasse. Sie ist gerade in dem Alter, in dem man über sich und die Welt nachdenkt, über andere Menschen und deren Reaktion auf die eigene Person, die Menschen, die man schon ein Leben lang kennt und jene, die man erst mit dem Wechsel von der Grundschule auf die Oberschule kennen lernt. Über Jungen und Mädchen. Als dann Fritz in ihr Leben tritt, einer der Jungen, die den Mädchen (un-)bewusst das Gefühl geben zu dick zu sein, nicht attraktiv zu sein, kommt alles ins Rollen. Das, was als Diät beginnt, artet in konsequentes Hungern aus. Serafina zählt die Kalorien, isst nur noch wenig und als ihre Eltern misstrauisch werden und auf ihre Ernährung achten, ersinnt sie neue Tricks, um nicht essen zu müssen bzw. das Gegessene schnellst möglich wieder aus ihrem Körper heraus zu »schmuggeln«. Durch Hungerkur und übertrieben viel Sport bricht schlussendlich das 1,68 große Mädchen mit 37,5 Kilogramm beim Joggen im Park zusammen.
Die Geschichte von Serafina (Deckname) ist beängstigend authentisch und gleichermaßen fesselnd geschrieben, bald beginnt der Leser ihren Ekel vor fettigem Essen, bei der Beschreibung von Pommes Frites, nachzuempfinden. Ein Roman für all jene, die sich mit dem Thema Magersucht auch auf menschlicher Ebene auseinandersetzten wollen, ebenso wie für jene, die sich vielleicht schon viel zu lang oder viel zu intensiv mit ihrem - viel zu dicken Körper - beschäftigen und alle erdenklichen Diäten erlebt haben. Es bleibt nicht bei dieser einen Geschichte, nicht bei diesem einen Roman, die Grenze zwischen "»Ein-paar-Kilo-abnehmen« und Magersucht/Bulimie ist verdammt schmal, dies wird durch Jana Freys Roman deutlich. Es zeigt, welche gefährlichen Folgen eine unüberlegte Geste oder Bemerkung haben kann und was unsere Gesellschaft mit ihren krankhaft dünnen Schönheitsidealen anrichtet. Bulimie und Magersucht, sowie andere Formen von Essstörungen sind nicht mehr nur bei jungen Mädchen weit verbreitet. Jana Freys Roman zeigt, wie wichtig es für jeden einzelnen von uns ist, sich vor den Spiegel stellen zu können und sagen zu können: Eigentlich bin ich so genau richtig!
Sarah Friedemann (xyz 23)

Jana Frey: Rückwärts ist kein Weg. Loewe Verlag 2005, 176 S., ab 12
Ich habe vor kurzem eine Meinungsrede (gibt es dieses Wort überhaupt) im Unterricht gehört. Eine Rede über Teeniemütter: »Wie kann man in dem Alter schwanger werden?« - War nur eine der aufgebrachten Fragen, die die Rednerin stellte. Für mich stellten sich andere Fragen: Wie kommt es dazu, dass Mädchen bzw. junge Frauen nicht rechtzeitig erkennen, dass sie schwanger sind? Wie kommt es dazu, dass sie sich erst für das Kind entscheiden und dann viel zu spät feststellen, dass sie eigentlich doch noch keine Verantwortung übernehmen wollen oder können? Klar stellt sich auch die Frage, wie man in dem Alter schwanger werden kann. Aber schwanger werden auch Erwachsene, die dann kurzerhand abtreiben. Oder nicht? Wo bleiben die Erwachsenen, die Eltern und Lehrer, die die Verantwortung dafür tragen wollen, dass nicht mehr richtig aufgeklärt wird? Die 30-, 40-, 50-jährigen, die fast wöchentlich den Bettpartner wechseln, weil sie allein erziehend sind und sich einsam fühlen. Oder die, die nur zeitweilig mit den Kindern der Schwester konfrontiert sind, sich aber nicht die Mühe machen wollen, für diese Zeit einen verantwortungsbewussten Menschen vorzuheucheln. Wann begreifen diese Menschen, dass sie beeinflussen und Persönlichkeiten mitformen? Wenn dann ans Licht kommt, dass das eigene Kind oder der Neffe schon mit 15 Jahren die Elternpflichten übernehmen müssen, wird nur der Kopf geschüttelt! Wie konnte es nur dazu kommen?
Kinder sehnen sich ebenfalls nach Nähe, das sollten Väter und Mütter sehen. Wenn Kindern vorgelebt wird, dass man dieses Gefühl von Einsamkeit durch Körperkontakt zu anderen Menschen abstellen oder überspielen kann, wird das Alter in dem werdende Frauen und Männer auf Tuchfühlung gehen immer geringer.
Jana Frey macht mit dem Roman »Rückwärts ist kein Weg« eben dies deutlich: Lilli ist 14 Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung. Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt, denn er wollte die Verantwortung für ein Kind so früh in seinem Leben nicht übernehmen. Ihre Mutter ist noch sehr jung auch ihre Großmutter war sehr jung als sie ein Kind bekam. Die Großmutter ähnelt ihr sehr, das sagt zumindest ihre Mutter. Sie hat zwei Freundinnen, die oft von ihren Vätern von der Schule abgeholt werden oder mit ihnen das ganze Wochenende verbringen. Lilli nicht. Als Lilli Fotografien für eine Schulaufgabe macht, lernt sie David kennen. Die beiden mögen sich sehr. So wie das eben ist. Die erste große Liebe. Es gibt nichts anderes mehr um dich herum. Nur er oder sie ist noch wichtig. Das ist ein schönes Gefühl und man hofft, dass es nie vergeht. Dann kommt man sich näher und wird unvorsichtig ohne es selbst als Unvorsichtigkeit zu begreifen. Als Mädchen denkt man dann: »Ich bin kurz vor der Regel, da kann ich ja nicht schwanger werden, also ist die Verhütung nicht mehr so wichtig und ohne soll es so wie so viel schöner sein - gefühlsechter!!!« Dann bekommt man seine Regel und man macht sich keine Gedanken mehr. Warum auch?! Was alles passieren kann, beim ersten und zweiten Mal führt einem niemand vor Augen. Irgendwann in der sechsten Klasse wird das Thema Sexualität ganz theoretisch betrachtet: Wie sind das männliche und das weibliche Geschlechtsorgan aufgebaut? Wie entsteht ein Kind?
In einem Alter, in dem mit dem Banknachbarn darüber getuschelt und gekichert wird, werden solche Fragen im Unterricht gestellt! Später vielleicht noch mal in der neunten Klasse: Wie funktioniert eine Abtreibung? Genau so ist es bei Lilli und David: Das erste Mal, ganz aufregend, dann bekommt Lilli ihre Regel und alles ist gut. Als sie erkennt, dass sie schwanger ist, ist es schon fast zu spät und sie muss sich entscheiden! Sie entscheidet sich für das Kind, denn sie und David lieben sich ja, ihr Kind wird also später eine richtige Familie haben. An diesem Punkt könnte man jetzt über die Naivität eines unerfahrenen Mädchens schmunzeln, aber mal ganz ehrlich: Haben wir nicht alle einmal so gedacht, als wir so richtig verliebt waren? Wie hätten wir selbst entschieden, mit einem Kind im Bauch, verliebt, richtig verliebt, mit Träumen von einem langen und glücklichen Leben mit nur dieser einen Person und ganz vielen Kindern. Viele werden sagen: UNREALISTISCH! Andere wiederum träumen ihr Leben lang von einer solchen Liebe.
»Rückwärts ist kein Weg« ist ein Buch, das aufklärt. Ein Buch, das davor warnt, sich leichtfertig eine Meinung zu bilden über junge Mütter und Väter. Ein Buch, das Fragen aufwirft, die rechtzeitig beantwortet werden sollten. Fragen, die uns vielleicht schon lange beschäftigen und hier geklärt werden. Man kann es allein lesen, wenn man »einfach nur« verstehen will. Man kann es zusammen lesen, vielleicht Eltern mit den eigenen Kindern, die gerade in das »kritische« Alter kommen um sich gemeinsam damit auseinander zusetzen. Vielleicht ist es auch als Leselektüre in der Schule gut geeignet, um sich nicht mehr nur theoretisch mit dem Aufbau der Geschlechtsorgane auseinander zusetzen. Vielleicht wird es einfach zu oft gesagt und deshalb hört niemand mehr darauf, aber es sind nicht nur Kinder, die teilweise viel zu früh den Weg auf diese Welt finden. Es sind auch Krankheiten wie Aids und Hepatitis, die auf diese unbedachte Weise weiter verbreitet werden. Es ist euer Leben, ihr wisst, was ihr lernt im Laufe eures Lebens, unwissend wird keiner von euch auf die Gesellschaft »losgelassen«, nutzt eure Köpfe und das was sie enthalten, wozu habt ihr sie sonst? Eltern, Lehrer, alle erwachsene Menschen, die so gern die Verantwortung von sich weisen: Es ist mehr als nur das Kopfschütteln, das zu euren Aufgaben zählt!
Sarah Friedemann (xyz 23)

Jana Frey: Sackgasse Freiheit. Loewe Verlag 2005, 192 S., ab 12
Für jeden ist es schwer vorstellbar, wenn er/sie davon hört, dass das hübsche Mädchen von nebenan oder der verhaltensausfällige Banknachbar in der Schule geschlagen wird. Das ist eine unergründliche Welt, die für einen absolut unverständlich ist. Man kann und will es nicht glauben, dass es Menschen gibt, die diese Herzenskälte besitzen ihrem eigenen Fleisch und Blut blaue Flecke und Prellungen beizubringen. Mutter und Vater sind geschockt, dass ihr Schützling solchen Einflüssen von außen ausgesetzt ist. Tochter und Sohn können sich die Auswirkungen für die betroffenen Kinder nicht ausmalen, zum Glück, oder?!
Von der Mutter geschlagen zu werden, weil sie sich wegen zu viel Alkohol wieder nicht kontrollieren kann. Oder vom (Stief-)Vater, der nicht anders mit seiner Umwelt und dem Stress auf Arbeit fertig wird. Mutter bekommt wegen dem Klaps auf den Po der Tochter vor drei Tagen nochmals ein schlechtes Gewissen, aber ist das nicht in bestimmten Situationen verständlich??? Mann/Frau ist doch auch nur ein Mensch. Aber das eigene Kind zu schlagen wäre undenkbar, den Menschen, den man uneingeschränkt liebt?! Nein, nicht möglich!
Die Geschichte von Sofia bringt einem das Leben eines solchen Kindes näher. Ihre Familie wohnt in einem schönen Haus und die Frau des Hauses ist in froher Erwartung. Alles zeugt von einem guten Umfeld - nur Sofia selbst passt nicht ins Bild. Schlechte Noten in der Schule und als sie sich das erste Mal gegen die bösartigen Bemerkungen und Sticheleien der Mitschüler wehrt und zuschlägt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Jana Freys Roman »Sackgasse Freiheit« erzählt Sophias Geschichte. Eine Geschichte, die für »normal« aufgewachsene und »normal« lebende Menschen die denkbar schlimmste Kindheit widerspiegelt. Sofia (Deckname) sucht auf der Straße nach ihrem persönlichen Glück. Jeder von uns kennt die Jugendlichen in den Straßen unserer (Groß-)Städte, doch wie viele von uns »Normalos« machen sich die Mühe den Menschen in die Augen zu schauen an denen wir vorbei gehen?
Dieser Roman ist für jene von uns, die die Überheblichkeit, an Jugendlichen und Alten auf der Straße vorbeizugehen und sich über deren Aufmachung zu beschweren, nicht mehr ertragen können und sich wenigstens mit einem dieser Schicksale beschäftigen wollen. Sofias Geschichte ist sicher nicht die Geschichte von allen, aber bestimmt von vielen.
Sarah Friedemann (xyz 23)

Cornelia Funke: Tintenherz. Cecilie Dressler Verlag 2003, 573 S., ab 11
»Dieses Buch hätte Meggie jedoch nicht unter ihr Kissen geschoben, aus Furcht vor den, was es ihr zuflüstern könnte. All das Unheil, das in den letzten drei Tagen geschehen war, schien aus seinen Seiten hervorgekrochen zu sein, und vielleicht war es nur ein Schatten dessen, was dadrinnen noch auf sie wartete? Trotzdem musste sie hinein. Wo sonst sollte sie nach Mo suchen? Elinor hatte Recht, es hatte keinen Sinn, einfach loszulaufen. Sie musste versuchen, Mos Spur zwischen den Buchstaben von Tintenherz zu finden.«
Meggie versteht die Welt nicht mehr. Mo, ihr Vater, hat einfach die Taschen gepackt und ist mit ihr zu Tante Elinor gefahren. Mit diesem Buch. Tintenherz. Es scheint der Ursprung allen Übels zu sein! Und eines Nachts kamen Männer und nahmen einfach Mo mit.
Es beginnt eine aufreibende Zeit des Suchens, Findens, Bangens und Freuens. Es ist ein Buch über die Liebe zu Büchern. Aber nicht jeder liebt Bücher. So auch Capricorn. Capricorn hasst sie, eben so wie er alle Menschen hasst. Er ist einer, der einen immer einsperrt und beleidigt. Ein übler Geselle, aber was wirklich angsteinjagend an ihm ist, ist seine Herkunft, denn Mo hat ihn aus Tintenherz herausgelesen.
Dieses Herauslesen ist so überzeugend geschrieben, dass man das ganze Buch über betet Capricorn möchte doch bitte nicht plötzlich vor einem stehen!!! Überhaupt ist »Tintenherz« von Cornelia Funke sehr bildlich geschrieben. Obwohl dies so ist, oder gerade deshalb ist es kein Kinderbuch, die Press wollte es zwar dazu machen, aber wer es gelesen hat kann bestätigen, dass es ein erwachsenes Buch ist.
Leider, und das ist der einzige Minuspunkt, wird die Geschichte ohne Rücksicht auf Verluste weitergesponnen. So werden am Ende des Buches krampfhaft Fragen aufgeworfen, die sich einem normaler Weise nie gestellt hätten, so abgeschlossen ist die Geschichte. Das wird nur getan, um die beiden noch folgenden Bände zu rechtfertigen.
Elena Geib (xyz 22)

Cornelia Funke: Tintentod. Cecilie Dressler Verlag 2007, 768 S., ab 11
Viele von meinen Freunden, die noch vor einigen Jahren von den ersten Teilen der Tintenwelttrilogie hingerissen waren, fühlen sich jetzt schon zu alt, um »Tintentod« zu lesen. Nur die zwei Bände, die »Tintentod« vorausgingen, wurden mit Begeisterung aufgenommen und die fantasievollen Umschreibungen der Tintenwelt gierig aufgesogen. Die Geschichte in dem ersten Teil, »Tintenherz«, beginnt mit dem Besuch eines Fremden, der Staubfinger genannt wird, der bei Meggie und ihrem Vater Mo auftaucht. Mo hat die zauberhafte Fähigkeit, so zu vorzulesen, dass Figuren und Gegenstände aus dem vorgelesenen Buch verschwinden und in seine Welt kommen. Einmal, als Meggie klein war, hatte Mo seiner Frau Resa aus dem Buch »Tintenherz« vorgelesen und sie verschwand, stattdessen kamen der Bösewicht Capricorn und seine Gefolgsleute zum Vorschein und mit ihnen der geheimnisvolle Staubfinger.
Staubfinger taucht also auf, um Mo zu warnen - er weiß, dass Capricorn »Tintenherz« zurückgewinnen will. Capricorn sucht nach dem Buch, um eine gefährliche Kreatur, die ihm allein gehorcht, den Schatten, herauslesen zu lassen. Mo und Meggie flüchten zu Meggies Tante Elinor, einer jähzornigen Bücherliebhaberin.
Nach vielen Wendungen und Gefangennahmen (in denen Farid, ein gleichaltriger Meggies, aus 1001 Nacht herausgelesen wird, und es sich herausstellt, dass Meggie auch das magische Vorlesen beherrscht) siegt, natürlich, das Gute. Capricorn wird vernichtet und Resa aus dem verhängnisvollen Buch befreit - allerdings stumm. Sie erzählt Meggie mit Zeichensprache von der Tintenwelt, in der es Feuerelfen gibt, schöne Prinzen und die trotzdem Gefahren birgt. In »Tintenblut« wird sofort an den ersten Band angeknüpft. Staubfinger hält es nicht mehr aus in der Welt, in der er unfreiwillig gelandet ist - und lässt sich von einem Vorleser, der dieselbe Fähigkeit besitzt wie Mo und Meggie, in die Tintenwelt lesen. Farid, Staubfingers größter Bewunderer, bleibt dabei zurück. Weil er weiß, dass Capricorns gefährlichster Gefolgsmann, Basta, noch am Leben ist, flieht er zu Meggie und ihrer Familie. Nur Meggie glaubt seiner Warnung und liest ihn und sich selbst in die Tintenwelt, nach der sie sich schon lange gesehnt hat. Ihre Familie wird von Capricorns Mutter und Basta überrascht und ebenfalls in die Tintenwelt gelesen. Nun müssen sich alle in dieser Welt zurechtfinden, jeder auf seine Weise. Staubfinger, in "Tintenherz" eine eher zwielichtige Figur, wird in "Tintenblut" zum Held. Die Tintenwelt gerät mehr und mehr außer Kontrolle.
Und nun sollte »Tintentod« das grandiose Finale der Trilogie werden. Stattdessen war das Buch zäh, pathetisch und ungenießbar. Wieder ein Kampf von Gut und Böse. Mo ist ein tragischer Held, der auch noch einen Kampf mit sich selbst austragen muss. Meggie und Resa leiden in ihrer Angst um Mo ("Es tat weh. So weh." - dieser Satz kommt auf jeder zweiten Seite des Buches einmal vor). Und am Ende siegt (wer hätte das gedacht?) das Gute und alle sind wieder vereint und bleiben in der Tintenwelt. Vielleicht hat mir der letzte Band nur nicht gefallen, weil ich älter geworden bin und mir das ewige vorhersehbare Happy End und die gekünstelte Tragik inmitten der Elfen und Gaukler nicht mehr gefiel. Wahrscheinlich ist es das.
Julia Suris (xyz 27)

Jostein Gaarder: Das Orangenmädchen. Aus d. Norweg. v. Gabriele Haefs, Deutscher Taschenbuch Verlag 2005, 192 S.
ELTERN .wer sind diese Menschen eigentlich für uns Kinder? Zwei Menschen, gewöhnlich ein Mann und eine Frau, die sich lieben, irgendwann einmal geliebt haben, sich vielleicht wieder lieben . Sie haben sich kennen und lieben gelernt und irgendwann kommt der Tag, an dem man sich fragt: Wann, wo und wie? Und dann malt man sich die schönsten Love-Storys aus. Inspiriert von kitschigen Hollywoodstreifen entstehen schaurig schöne märchenähnliche Geschichten in unseren Köpfen.
Doch kaum einer kennt die wahre Geschichte, selbst wenn man noch so oft nachfragt, die Geschehnisse zwischen Mutter und Vater werden wohl kaum unseren Wunschvorstellungen und Träumen von dieser romantischen Liebe entsprechen, aus der wir selbst entstanden sind.
Georg ist 15 Jahre alt und abgesehen davon, dass sein Vater zu einer Zeit gestorben ist, an die er kaum noch Erinnerungen hat, und er jetzt Jahre später einen Brief von ihm in den Händen hält, ist alles in bester Ordnung. Es ist ein langer Brief. Ein Brief, der ihm Angst macht. Ein Brief von einem Menschen, der ein großer Teil von ihm ist und den er doch so wenig kennt. Der Brief erzählt von Sternen, Lebewesen, wie nicht von dieser Welt, von eine Zeit, die für Georg schon längst vergangen ist, die ihn nicht berührt, nichts sagend ist und doch eine große Rolle für ihn spielt, ohne das er es ahnt .
Das Orangenmädchen kommt auch darin vor, das Orangenmädchen und sein Vater. Und so liest Georg die Geschichte zweier Menschen - die sich so sehr geliebt haben, wie es kaum vorstellbar ist - seine eigene Geschichte.
Jostein Gaarder erzählt, er philosophiert, er träumt, er lebt in dem Buch die Liebe zweier Menschen und lässt den Leser auf einfache Art und Weise daran Teil haben, wie er die Liebe empfindet. Eine Liebesgeschichte, die sogar Shakespeares »Romeo und Julia« in den Schatten stellt. Ein Buch über die Liebe und das Leben für Erstverliebte, "Nichtmehr-Verliebte", Kinder, Erwachsene und jene die sich dafür halten.
Sarah Friedemann (xyz 23)

Anna Gavalda: Zusammen ist man weniger allein. Aus d. Französ. v. Ina Kronenberger, S. Fischer Verlag 2008, 790 S.
Camille ist eine unglaublich talentierte Zeichnerin. Doch sie arbeitet für Proclean. Das heißt - sie ist Putzfrau, weil sie sich nicht zutraut, von ihrer Kunst zu leben. Sie wohnt in einer winzigen Dachkammer eines Hauses, deren Heizung nicht funktioniert, mitten in Paris. Und weil sie magersüchtig ist, hat sie kaum die Kraft, die Treppen bis zu ihrer Wohnung zu steigen.
Philibert Marquet de La Durbelliere scheint nicht von dieser Welt zu sein. Er ist wundervoll geduldig und betreibt einen Postkartenstand. Er wohnt einige Etagen unter Camille und weiß alles, was jemals in der Weltgeschichte passiert ist. Doch nur, wenn er von verstorbenen Königen und unheilvollen Kriegen erzählt, hört er auf zu stottern.
Franck ist sein Mitbewohner. Ein hart schuftender, aufstrebender Koch, der eine schwere Kindheit hinter sich hat. Er wirkt auf andere Menschen, als wäre er ein oberflächlicher Typ, der sich nur für sein Motorrad und Frauen interessiert.
Aber da ist seine Großmutter Paulette, die er liebt und die wegen eines Unfalls ins Altersheim muss. Er sieht, wie sie leidet und das Gefühl hat, einzugehen. Eines Tages bricht Camille zusammen. Philibert liest sie auf und bringt sie in seiner riesigen Altbauwohnung unter. Sofort geraten Franck und Camille aneinander. Doch nach und nach verlieben sie sich. Camille verändert das Leben in der WG.
Und dann kommt auch Paulette auf Camilles Drängen hin in die Wohnung von Philibert und Camille beschließt, mit dem Putzen aufzuhören, für Paulette zu sorgen und nebenbei wieder mit dem Zeichnen anzufangen. Das hört sich schon nach einem Happy End und das Buch könnte so enden, doch das tut es das nicht. Weiter geht es mit den Camille und Franck, denn die verwirrte Camille redet sich ein, Franck nur als eine Affäre zu sehen, die ihr wenig bedeutet. Frack hingegen will Camille ganz für sich haben .
Anfänglich fand ich das Buch kompliziert, allein durch die Art, wie es gedruckt war. Tausende Absätze, die noch nicht einmal Sinneseinheiten trennten, sondern als ob einer wie wild drauflos auf die Enter-Taste gedrückt hätte. Dann gewöhnte ich mich daran und las mich ein in die charmanten Beschreibungen von Anna Gevalda, die wirren Gedankengänge der Protagonisten und die realitätsnahen, nie ganz eindeutigen Sätze.
Locker geschrieben, poetisch, unterhaltsam. Eine schöne Geschichte mit Helden, jeder auf seine Art sympathisch, allesamt der Typ »Ich bin schräg und ein komischer Kauz, aber ihr müsst mich trotzdem lieb haben«.
Und dann fand ich das Buch noch einmal anstrengend. Weil es zu betont unperfekte Menschen darstellt, und dadurch fast flach wirkt. Ja, wir sind alle unvollkommen und leben in einer unvollkommenen Welt, ja. Doch wenn einem das länger als 500 Seiten lang vor die Augen geführt wird und die Autorin ihren Helden dennoch ein kitschiges Ende gibt, wurde zu dick aufgetragen. Trotzdem hat das Buch einen Charme, den ich nicht leugnen kann, und der liegt an Anna Gevaldas Schreibstil.
»Zusammen ist man weniger allein« ist für mich ein Herbstbuch, das man lesen sollte, wenn die Bäume sich langsam in warme Brauntöne färben und man sich nicht mehr von Sonnenschein nicht mehr draußen locken lässt, weil man weiß, dass der Wind kalt und durchdringend ist.
Julia Suris (xyz 27)

Christoph Hein: Frau Paula Trousseau. Suhrkamp Verlag 2007, 440 S.
Wie wird man zu dem Menschen, der man ist? - Seit Urzeiten schon versucht sich jedes Jahrhundert, jede Kultur in der Beantwortung dieses Rätsels.
In seinem Roman "Frau Paula Trousseau" lässt Christoph Hein diese Frage mitschwingen, ohne den Fehler einer schulmeisterlichen Explizitheit zu begehen. Hein lässt seine Protagonistin, die Malerin Paula, auf der sechsten Seite Selbstmord begehen und zeichnet anschließend ihr Leben nach. Im spannenden Wechsel von Ich- und Er-Erzähler, älterer und jüngerer Vergangenheit, erfährt der Leser von Kindheit, Studium, Heirat, Mutterschaft. Es werden jedoch keine Antworten präsentiert, nur Ausschnitte aus Lebensrealitäten: Eine repressive Kindheit unter dem Zeichen eines Furcht einflößenden Vaters. Eine philisterhafte Umwelt. Die Ketten des sozialistischen Realismus. Die abgesteckten Grenzen der DDR-Welt. Christoph Heins neues Buch ist ein Buch des Scheiterns, fünfhundertsiebenunddreißig Seiten lang lässt er seine Figur gegen Wände laufen: Paula schafft es zwar gegen den Willen ihrer Eltern, hauptberuflich Künstlerin zu werden, muss jedoch entdecken, dass ihr Freiheitsdrang und ihr abstrakter Malstil keinen Platz haben in der Welt, in die sie hinein geboren wurde. Wie wird man zu dem Menschen, der man ist? - Das weiß man auch nach »Frau Paula Trousseau« nicht genau. Aber man hat sich wenigstens die richtigen Fragen gestellt. Und wurde außerdem gut unterhalten.
Yulia Marfutova (xyz 27)

Markus Heitz: Trügerischer Friede Ulldart - Zeit des Neuen 1. Piper Verlag 2005, 445 S.
Dies ist also der siebte Teil der Erfolgsreihe um den Kontinent Ulldart. Einmal wieder begibt man sich als Leser in eine andere Welt. Die im Mittelalter spielende Geschichte handelt von den Staaten des Kontinents. Er ist einer von vielen und hat seinen Namen dem dort angebeteten Gott, Ulldrael, zu verdanken. Aus einem wirren Geflecht von Handlungssträngen und viel Phantasie spinnt Markus Heitz einen Geschichtenstoff der Heitz-Lesern nur allzu bekannt ist. Der siebte Teil ist die Fortsetzung der, mit dem Phantastik-Preis ausgezeichneten, Ulldartsaga, die in 7 Bänden, bestehend aus 3315 Seiten, die Kontinente, Helden, Schurken und Schauplätze dem Leser nahe bringt.
Nachdem die vereinten Streitmächte des alten Herrschers Lodrik das Böse vernichteten kehrt Ruhe auf dem Kontinent Ulldart ein. Doch der Schein trügt. Die Exfrau Lodriks und ehemalige Königin Tarpols, ein Reich Ulldarts, möchte zurück auf den Thron, auf dem sie einst saß. Sie benutzt ihren Sohn, der magisch veranlagt ist, um ihr Ziel mit allen Mitteln zu erreichen. Sie lässt sich sogar mit den Priestern des dunklen Gottes ein.
Gleichzeitig besteigt Lodriks erste große Liebe und jetzige Frau den Thron und möchte dem Volke durch Reformen das Leben leichter machen. Lodrik distanziert sich immer mehr von ihr. Der Grund ist die Veränderung Lodriks durch die Nekromantie, die Fähigkeit sich der Toten zu bemächtigen. Er fürchtet die Blicke der einfachen Bevölkerung, sollte er sich offen zeigen. So bekommt er von den dunklen Machenschaften seiner Exfrau nichts mit...
Dieses Buch war der Hammer. Alles, was die sechs vorherigen Bücher ausgemacht hat, ist noch besser geworden. Der von Markus Heitz bekannte Ideenreichtum was Namen aller Art angeht, ist natürlich nicht zu kurz gekommen. Außerdem schafft er es jedes Kapitel spannend zu machen ohne zu viel vorweg zu nehmen. Ich empfehle es auf jeden Fall an fantasybegeisterte Leser weiter. Jedoch sollte man die Reihe ganz lesen, also mit dem ersten Band, »Schatten über Ulldart, Ulldart - Die Dunkle Zeit 1« beginnen. Ohne jungen Lesern die Vorfreunde rauben zu wollen, empfehle ich ein Einstiegsalter von 12 Jahren, da viele Szenen doch blutig beschrieben sind. Des Weiteren liegt die Sprache den jungen Lesern vielleicht doch zu schwer im Magen. Wer jedoch mal wieder die Nase voll hat von dieser Welt, sollte sich einfach nach Ulldart begeben und seiner Phantasie freien Lauf lassen.
Philipp Noll (xyz 25)

Markus Heitz: Brennende Kontinente Ulldart - Zeit des Neuen 2. Piper Verlag 2007, 462 S.
Brennende Kontinente heißt also der 2. Band der Fortsetzung der preisgekrönten Fantasysaga um den Kontinent Ulldart. Und auch er verspricht heiße Spannung und liebevoll ausgeklügelte Personen.
Auf dem Kontinent Ulldart tut sich allerhand. Wie im ersten Band schon eingeläutet war die große Schlacht am Ende des 6. Bandes nicht das Ende. Lodrik, der einstige Herrscher Tarpols, zieht sich immer mehr zurück und lässt seiner Frau freie Bahn wenn es ums Regieren geht. Er versucht unterdessen seine Tochter, die von allen tot geglaubt, zu töten. Denn sie hat vor sich den Kontinent eigen zu machen und die absolute Herrscherin zu werden. Mit der Macht der Nekromantie, die sie zur Herrin über Seelen und Tote macht, versucht sie den Kontinent ins Verderben zu stürzen. Lodrik, der die gleiche Gabe besitzt, versucht dies mit allen Mitteln zu verhindern.
Am anderen Ende des Kontinents kehrt die Herrscherin von Tersion, Alana II aus ihrem Exil zurück. Doch kaum ist sie in ihrem Reich angekommen wird ein Attentat auf sie verübt. Ihr Gatte stirbt bei dem Anschlag und Alana überlebt nur schwer verwundet. Der Sohn des Mannes übernimmt der Weilen die Macht des Landes und stürzt es immer mehr in eine Krise. Und alles dies geschieht zur selben Zeit wie das Aufwachsen des kleinen Vahidin. Er ist der Sohn von Lodriks Exfrau und seinem Berater. Dieser war ein Gott in Menschengestalt und hat nun mit diesem Jungen sein kostbares Erbe angetreten. Auch er ist magisch veranlagt und weiß nur noch nicht genau auf welche Seite er sich nun auf dem Kontinent stellen soll. Die des einstigen Herrschers Lodrik oder doch eher auf die seiner Halbschwester.
Markus Heitz erfüllte mich mit diesem Buch einmal wieder mit wohligem Schauer. Es steht seinen Vorgängern in nichts nach, auch wenn es schon der 8. Band der Ulldart Saga ist. Brennende Kontinente ließ in mir das leidenschaftliche Feuer für Fantasy wieder auflodern und entführte mich in eine doch sehr bekannte Welt. Die Mischung aus mittelalterlichem Feeling und leichten neuzeitlichen Touches lassen es einmalig werden. Die Figurenvielfalt und Konstellationen sind wie immer einfache Spitze. So viele verschieden Personen und Wesen auf einem Kontinent, ja in einem Buch, zu vereinen ist wahrlich eine Meisterleistung. So wie jeder mit einer persönlichen Note des Autors versehen ist, sind auch ihre Schicksale, welche sich gekonnt schneiden und wieder entzweien.
Ein tolles Fantasybuch welches ich jedem Fantasyfan sowie Heitz Liebhabern empfehle. Ich versichere euch es brennt sich ins Gedächtnis und wird dort so schnell nicht mehr erlischen.
Phillipp Noll (xyz 27)

Markus Heitz: Fatales Vermächtnis - Ulldart Zeit des Neuen 3. Piper Verlag 2007, 464 S.
»Da kommt sie die Usurpatorin (jemand der sich widerrechtlich Macht aneignet) aus Tarpol«. So beginnt der bis jetzt letzte Band des Ulldart Zyklus.
Lodriks Gattin Norina hat sich, mehrheitlich vom Volk gewünscht, zur vorübergehenden Königin von Borasgotan, dem Nachbarstaat von Tarpol, erhoben. Doch in Mitten der Feierlichkeiten und dem Ankunft der Königin in ihrem neuen Staat verstecken sich Attentäter, die sich auf keinen Fall einer Fremden unterwerfen wollen.
Derweilen steht Lodrik kurz davor seine Tochter zu fassen und sie zu töten. Mit seiner treuen Dienerin Soscha verfolgt er sie pausenlos und ohne sichtbare Mühe. Denn auch Lodrik ist, wie seine Tochter, ein Nekromant, der keine Nahrung braucht und keinen Schlaf. Doch während der Jagd erscheint ihm die Todesgöttin und nimmt ihm die Fähigkeit der Nekromantie. Er ist von nun an kein Halbtoter mehr und ein ganz normaler Mensch. Im Gegenzug verlangt die Göttin von ihm ihren Orden zu führen und Schwerverletzte und Kranke zu heilen. Durch die neue Gabe verändert muss Lodrik sich den neuen Möglichkeiten anpassen. Doch auch Vahidin setzt ihr weiter nach und bald sollen sich Lodriks und seine Wege kreuzen.
Zur selben Zeit wird auf dem Nachbarkontinent Kalisstron die Qwor bekämpft. Und zwar von Tokaro, Lodriks Halbsohn, und Lorin, Lodriks Sohn. Doch eins ist klar der Kampf dort wird nicht ihr letzter sein .
Furios und ohne Atempause geht es auf dem Kontinent weiter. Als Leser wird man erst gar nicht in langatmige Dialoge und staubige Szenerie gelenkt, sondern direkt in die Spannung. Markus Heitz hätte kein besseres Finale für die Ulldartsaga finden können. Die lieb gewonnen Helden treten wieder auf, neue Handlungsstränge werden geknüpft und fallen gelassen. Dazu kommen die wie immer sehr anschaulich beschriebenen Orte und Personen. Wer an diesem Buch länger als eine Woche sitzt hat entweder kein Sinn für Fantasy oder zu wenig Zeit. Alles in allem ist dies ein gebürtiges Ende einer triumphalen Saga, die nicht nur mich sondern auch tausende andere Leser begeistert hat.
Doch es wird bereits gemunkelt, dass ein weiterer Band herauskommen soll. Markus Heitz selbst steht hinter der Idee, weiß jedoch nicht wann und wie. Sicher ist jedoch das die Schauplätze gewechselt und neue sowie alte Helden vorgestellt werden.
Phillipp Noll (xyz 27)

Heike und Wolfgang Hohlbein: Genesis 1 - Eis. Ueberreuter Verlag 2006, 350 S.
Für den 19 jährigen Ben ist die Fahrt auf dem Luxusdampfer das Langweiligste, was er je erlebt hat. Schlafen, langweilen, essen, langweilen, essen, langweilen, essen, schlafen. Er ist auf dem Weg nach Australien, zusammen mit seinen Eltern. Für ihn ist es einfach nur schlimm, bis er Harry und sein Spezialkommando trifft, eine komische Krankheit an Bord ausbricht und ein dunkler Schatten am Meeresboden auftaucht. Und irgendwie hat er das Gefühl, dass die Eispiraten, die zuvor vernichteten, ihre Finger im Spiel haben.
Kalte Zeiten stehen ihm und seiner Familie bevor...
Mir gefiel das Buch außerordentlich gut. Da Ehepaar Hohlbein in diesem Buch Phantasy und Realismus vereinen, entstand eine explosive Mischung, die zur Sucht animiert. Da ich passionierter Hohlbein-Leser bin, wusste ich von Anfang an, auf was ich achten muss und auf was ich mich da einlasse. Und das Buch hat alle meine Erwartungen übertroffen! Es war zwar nicht sein bestes Buch, aber immer noch außerordentlich. Es verband wieder mal Spannung und Action in ausgewogenem Maß und lockte mich in die »Suchtfalle« Hohlbein. Ich las das Buch in einem Zug durch, ohne mit der Wimper zu zucken. Um meine Meinung zu diesem Werk kurz zu fassen: EINFACH KLASSE!!!
Philipp Noll (xyz 25)

Heike und Wolfgang Hohlbein: Midgard. Carlsen Taschenbuch Verlag 2005, 368 S.
Wer Odin, Baldur, Thor und Skuld für Möbel von Ikea hält, sollte jetzt besser aufpassen!
»Du brauchst dich nicht zu schämen«, sagte Odin. »Du verstehst nicht, was geschieht, und das macht die Angst. Aber das ist gut und richtig so. Es wäre schlimm, wäre es anders.«
Angst. Lif dachte einen Moment über die Worte des Asen nach, aber dann schüttelte er den Kopf. Nein, Angst hatte er eigentlich nicht. Was er spürte - was er immer gespürt hatte, wenn er mit Eugel Baldur oder über sich und die ihm zugedachte Rolle sprach - war etwas anderes. Angst, das war etwas, was er kannte, denn sie gehörte zu einem Leben in Midgard wie der Schnee und die Stürme im Winter. Angst war etwas, das man bekämpfen konnte. Was er fühlte war viel schlimmer. Es war Hilflosigkeit; das Gefühl, machtlos zu sein, und die Wut, die daraus geboren wurde.
Aha, Odin ist ein Ase, aber nicht irgendeiner sondern der Göttervater. Aber Lif? Lif ist ein Träumer, der fast jeden Morgen seines 14-jährigen Lebens auf einer Klippe vor dem Hof seines Ziehvaters sitzt und aufs Meer hinaus starrte. Bis er eines Tages ein sagenumwogenes Schiff sieht, mit diesem Beginnt alles, der Finburwinter und Lifs Odyssee, die erst am Ende von Ragnarök enden wird.
Doch er ist nicht allein. Er hat einen »Zwillingsbruder«, Lifthrasil, dieser kämpft allerdings auf der anderen Seite. Ragnarök, die Götterdämmerung, hier stehen sich beide Seiten entgegen, Surturs Geschöpfe und die Götter, ein wilder Kampf entspannt sich, in diesem sterben alle, auch Lifs »göttliche« Freunde. Als alle anderen schon in den Hallen von Asgard feiern, die den tapfersten toten Kriegern vorenthalten ist, bewahrheitet sich die Prophezeiung und Lif und Lifthrasil stehen sich auf dem Feld mit Waffen gegenüber. Wie werden sie sch entscheiden?
Wolfgang und Heike Hohlbein haben eine wunderbare literarische Interpretation vom Sagenkreis der Edda geschaffen. Zum Träumen und Fliehen. Ich kann wirklich nur jedem empfehlen es zu lesen, obwohl die Schlacht etwas (sehr) blutig ist.
Elena Geib (xyz 22)

Wolfgang Hohlbein: Das Blut der Templer. Vgs Verlagsgesellschaft 2005, 371 S.
»Stella!, schoss es ihm durch den Kopf. Dieser seelenlose Bastard hatte auf seine Freundin schießen lassen! Er hatte ihm den Vater genommen, ihn seiner Mutter beraubt, Quentin getötet. Allein der Teufel mochte wissen, wie viele grauenhafte Verbrechen noch auf das Konto dieses irrsinnigen Pseudo-Weltverbesserers gingen. Und nun wollte er ihm auch noch Stella nehmen!«
Diese Angst muss der 19-jährige David ständig durchleben. Allerdings verlief sein Leben bis zu jenem Zeitpunkt vollkommen öde und langweilig in einem Klosterinternat als »Waise«. Bis er erfährt, dass seine Eltern noch leben.
Im Mittelpunkt dieses Romans steht die Fehde zwischen den Tempelrittern und den der Prieuré um den heiligen Gral, die sich bis ins 21. Jh. hinein zieht. Und David führt die Blutlinie der Rittergeschlechter wieder zusammen. Vater, Robert von Metz, Templermeister und Lucrezia, Kopf der Prieuré, versuchen ständig ihren Sohn auf jeweils ihre Seite zuziehen. Sie schrecken dafür nicht vor Kidnapping und Morden zurück. Und langsam verliert David jegliche Orientierung zwischen Gut und Böse.
Ein blutiges Buch mit vielen Actionszenen, die etwas komisch anmuten, denn wer erwartet im 21 Jh. schon einen Schwertkampf, bei dem die Kontrahenten Handys im Gürtel stecken haben? Aber kann man um den Heiligen Gral mit Pistolen kämpfen, es wäre reichlich unpassend!
Insgesamt ist es ein herrliches Buch, mit einem wunderschönen Einband, der ein blutiges Tatzenkreuz zeigt, darunter tiefschwarzer Karton mit roter Schrift. Doch zu bemängeln wären einige Details, so werden Frauen im Buch als das schwache Geschlecht dargestellt, die von den »klugen« Männern beschütz werden müssen.! Und obwohl es ein Auftragswerk zu einem Fernsehfilm ist, bringt Hohlbein seine eigene Schreibmanier mit und es kommt wie jedes Hohlbein-Buch daher: Männchen und Weibchen lernen sich kennen und lieben, werden in irgendwelche Machenschaften involviert, dass ganze endet in einem Kampf, den sie doch noch gewinnen und alles Friede, Freude, Eierkuchen! Fazit: »Das Blut der Templer« ist zu empfehlen, besonders Fantasy-Fans. Den Leuten, die etwas zart besaitet sind und nicht ständig neben geköpften Leichen stehen wollen, ist jedoch abzuraten. Denn davon gibt es mehr als reichlich.
Elena Geib (xyz 22)

Wolfgang Hohlbein: Dreizehn. Heyne Verlag 2004, 559 S.
»Dreizehn« - das Buch, in dem auf jeder Seite mindestens einmal das Wort Dreizehn (ggf. auch Thirteen) zu lesen ist.
Dreizehn Fakten zu diesem Buch:
1. Die Hauptfigur ist ein Mädchen, das an einem 13. geboren wurde, und nicht nur das, auch noch um 13 Uhr, 13 Minuten und 13 Sekunden.
2. Sie wird - was für ein Wunder - Thirteen genannt und soll nach dem Tod ihrer Mutter zu dem Großvater ziehen, von dem sie bisher noch nicht einmal wusste, dass er existiert.
3. Der Großvater lebt in einem geheimnisvollen Haus (Nr. 13), in dem der Zugang zu einer zweiten Welt, einem Labyrinth aus Gängen und Zimmern, verborgen ist.
4. Thirteens Seele verirrt sich in dieses Labyrinth und trifft dort sechs weitere Seelen - alles Kinder.
5. Parallel lebt Thirteens Körper in der realen Welt weiter, er kann denken, ist aber zu keinen Gefühlen fähig.
6. Thirteens Körper kommt einer Verschwörung auf die Spur, deren 13 Mitglieder, darunter auch die gefühlslosen Körper der sechs anderen Kinderseelen, versuchen, Thirteen von dem Haus fernzuhalten.
7. Nach gefühlten 1300 Seiten ist es schwer immer noch der Handlung zu folgen, erst eine zweite Welt im Haus, dann noch das weiterleben der Körper in der realen Welt, die Verschwörung, die die seelenlosen Körper in der normalen Welt planen und außerdem noch die Geschichte des Großvaters, der irgendwas mit dem Teufel . oder so . und so weiter . so was eben .
8. Am Ende des Buches stellt sich alles als eine Fortsetzung des Rattenfängers von Hameln heraus. Der Großvater ist Rattenfänger und hatte einen Pakt mit dem Teufel, der nun schon seit 13 Generationen seinen Tribut fordert, und so weiter.
9. Meine Erkenntnis nach 13 Stunden Lesezeit: Die Geschichte bereitet die ganzen Zeit ein großes Ende vor, das sie dann aber doch nicht halten kann.
10. Dreizehn ist keineswegs eine Ausnahme unter den Holbeinbüchern, die alle ganz spannend wirken, wenn man sie ließt, doch schon nach 13 Minuten ist es so gut wie vergessen.
11. Folglich eins der am Fließband hergestellten Holbeinbücher, die man spontan auf dem Flughafen kauft und am Gate 13 als Zeitvertreib ließt.
12. ist nur ein Lückenfüller bis 13
13. Fazit: Ein eigentlich nicht allzu mieses Buch, wenn ungefähr nur drei Zehntel der 13 drin gelassen werden würden.
Maria Grötzinger (xyz 23)

Eva Ibbotson: Das Lied eines Sommers. Aus d. Engl. v. Monika Curths Blanvalet, Blanvalet Verlag 1999, 349 S.
Ellen ist der Sonnenschein ihrer Familie, intelligent und hübsch anzuschauen. Doch je größer sie wird, desto weniger passt sie in die Familie hinein. Umsorgt wird Ellen von ihrer Mutter und deren Schwestern, allesamt Frauenrechtlerinnen. Anfang des 20. Jahrhunderts platzt Ellens größter Wunsch Hauswirtschafterin zu werden wie eine Bombe. Sie studiert zunächst, zur Beruhigung ihrer Familie in Cambridge Neuphilologie. Doch kurz vor ihrem Abschluss reist sie plötzlich nach Österreich, um an einer bis dahin furchtbaren Schule in Hallendorf Hausmutter zu werden und ein zweiter Teil ihres Lebens beginnt. Sie bringt frischen Wind in die Anstalt. Sie schafft das Fischgrätenrisotto ebenso wie die widerlichen eingelegten Mangoschnitze, die aus Entwicklungsländern kommen, ab. Sie hat immer ein offenes Ohr für ihre Schützlinge. Alle haben sie sofort ins Herz geschlossen, so auch Sophie:
»In Sophies Leben hatte bis jetzt jedes Sicherheitsgefühl gefehlt. Das einzige, was sie sicher zu wissen glaubte, war, dass ihre Eltern sie verlassen hatten. Aber nun gab es Ellen. Ellen hatte ihre Versprechen gehalten. Sophie war aufmerksam während des Unterrichts, [.] aber in jeder Freizeit kam sie zu Ellen, und half ihr Wäschekörbe tragen oder Decken zusammenlegen, und abends saß sie gemütlich in Ellens Zimmer auf dem Fußboden.« (S.44-45)
Doch die Zeiten werden schwer, die Welt steht vor einem zweiten Weltkrieg, Hitlerdeutschland bedroht alles und jeden. Mitten in dieser nicht mehr ganz ungetrübten Idylle versucht Marek Menschen das Leben zu retten, er schmuggelt Juden über die Grenze und verschafft ihnen eine neue Identität. Nebenbei ist er noch sowas wie der Gärtner in Hallendorf, wo keiner etwas von seinen selbstmörderischen Aktionen weiß.
Und wie es kommen muss, funkt es zwischen Ellen und Marek. Doch es wird keine Schnulze, über der die schwarze Wolke Hitler schwebt, sondern eine einfach nur schöne Geschichte. Ellen und Marek werden vom Krieg und Mareks eigenen Dummheit auseinandergerissen und verlieren sich aus den Augen. Erst ganz am Ende ist ihr Schicksal wirklich klar.
Es gibt selten solch gefühlvolle Erzählungen, die nicht schleimig sind, die man einfach nur genießen kann. Aber alle Fantasy-Freaks, Gefühlsmuffel und Ork-Verehrer sollten einen großen Bogen um das Buch machen, so schön es ist, man muss sich darauf einlassen und solche eine Köstlichkeit genießen können.
Elena Geib (xyz 22)

Erich Kästner: Sachliche Romanzen. Gedichte über die Liebe und andere unvermeidliche Dinge. Ill. v. Jonas Schenck, Atrium Verlag 2007, 111 S.
Die Liebe ist ein großes Thema, vielleicht das Thema und gewiss eine Probe für den Schriftsteller. An ihr entscheidet sich, ob er ein Schriftsteller oder nur ein Mensch ist ,der schreibt.
Erich Kästner ist ein Schriftsteller.
Seine sachlichen Romanzen zeigen die Liebe von ihrer ungeschönten Seite wie etwa in »Das Gebet keiner Jungfrau«, wo es heißt:
»Dann weine ich. Und gehe nicht aus dem Haus.
Und nehme 8 Pfund ab. Das ist die Liebe.«
Und zugleich von ihrer repräsentativen Seite wie in Nachtgesang des Kammervirtuosen, indem Kästner die Leidenschaft beschreibt:
»Ich möchte dich in alle Winde schmettern,
du meiner Sehnsucht dreigestrichenes Oh.«
Bei Kästner ist die Liebe laut. Sie lässt sich nicht abschütteln, ist ironisch, kurzlebig, nie schön, eher spröde und ein wenig melancholisch. Eben dieser Liebeskosmos missfiel den Kritikern anfangs. Walter Benjamin unterstellte ihm gar linke Melancholie und fehlendes Klassenbewusstsein. Kästners Texte sind zwar nicht unpolitisch, aber die Liebe ist es. Sie ist weder sozialkritisch noch Parteiabhänig. Einzig die Zeit ist politisch, die Kästner sorgsam und liebevoll beschreibt. Die Liebe ist bei ihm ein Teil der Wirtschaftskrise, der Armut und auch der goldenen Zwanziger. So tut das Mädchen aus dem 4. Hinterhof für den Untermieter, der sie an einen Grafen erinnert so einiges gegen Bezahlung, die goldene Jugend ist im Zeitalter des Fortschritt gar nicht so golden und den Revuegirls schmerzt das Herz.
Kästner gelingt, was oft versucht wurde aber selten funktioniert hat: Die Schwierigkeit die Liebe in der Zeit lebendig zu machen und gleichzeitig sie zeitlos zu lassen. Denn sein eigentlicher Protagonist ist die Liebe.
Die Gedichte sind immer noch auffällig, immer noch melancholisch und immer noch tröstlich, auch wenn heutzutage die Zeit eher von Terrorismus, Globalisierung und neuer Unterschicht geprägt ist.
Wir erkennen die Menschen wieder, die Zaudernden, die Verliebten, die Unglücklichen, die Verflossenen und ein wenig uns selbst, denn sachlich bleiben die Romanzen selten und romantisch sind sie schon gar nicht. Sie erinnern uns an ein graues, schmutziges Berlin im November und genau das macht sie so liebenswert und gefährlich. Denn schon Kästner wusste:
»Man soll den Mächten, die das Herz erschufen, nicht dankbar sein.«
Marie Schwarz (xyz 26)

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. List Taschenbuchverlag 2001, 218 S.
Also, wer sich stundenlang die Herzensergüsse eines jungen, naiven, männerverrückten Mädchens reinziehen will, der sollte den ersten Teil lesen. Wer aber etwas mehr Action will, sollte in Berlin anfangen. Denn die Beschreibung vom Berlin der Roaring Twenties und den Männern ist interessanter als alles andere im ersten Teil.
Es geht um eine junge Frau, die glaubt, das Zeug zum »Glanz« zu haben, und die in Berlin ihr Glück versucht. Über ihre ständig wechselnden Männerbekanntschaften hofft Doris irgendwie >Connection< zu kriegen. Aber was bleibt, ist die zunehmende Verarmung. Bis sie dann an einen gerät, der sie nicht gleich ins Bett kriegen will, da er noch sehr an seiner davongelaufenen Ehefrau hängt. Sie verliebt sich zwar in ihn, aber er scheint trotzdem nix für sie zu sein. Im Grunde sind alle Männer egal, das Buch handelt nur zu 99 Prozent von ihnen. Doris kann einem zwar durch ihr nicht enden wollendes Gelaber auf die Nerven gehen, aber man hat auch Angst um sie, da sie neunmalklug und zugleich total naiv zu sein scheint. Mir hat ihre grenzenlose Liebe zu Berlin und die überschwänglichen Beschreibungen der Stadt sehr imponiert. Die gemeinsame Liebe zu Berlin verband uns und ließ uns Freundinnen werden.
Marie Lilli Beckmann (xyz 24)

David Klass: Wenn er kommt, dann laufen wir. Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst, Arena Verlag 2006, 325 S.
Jeff erlebt den schönsten Sommer seines Lebens. Jeden der sonnigen Tage verbringt er mit seiner ersten Freundin Beth am Strand, sie baden, sie spielen Fußball und sind verliebt. Trotzdem ist nicht alles perfekt. Jeff weiß, dass etwas auf ihn zukommt. Seine Eltern werden seinen älteren Bruder Troy wieder bei sich aufnehmen, nachdem er unerwartet aus dem Gefängnis freigelassen worden ist - obwohl er vor mehreren Jahren einen Jungen getötet hat.
Troy hatte das Leben der Familie zerstört - böse Blicke und ein Umzug der verstörten, trauernden Eltern und Jeffs waren die Folgen des Mordes.
Diesmal wird es genauso sein, Jeff ist sich sicher. Man kann das Böse in einem Menschen nicht durch ein paar Jahre Gefängnis auslöschen.
Troy ist wie ein Raubtier - selbst immer auf der Hut, gefährlich und sehr intelligent. Er besticht durch seine Schlagfertigkeit und seine Liebe zur Poesie, scheint der perfekte, strebsame Sohn zu sein.
Jeff glaubt ihm nicht - doch nachdem ein Junge aus seiner Klasse verschwindet, verirrt sich Jeff selber in Misstrauen und Ängsten und kann das Gute und Böse nicht mehr auseinander halten - auch in sich selbst nicht.
Das Buch nimmt einen mit in einen Strudel der Zweifel eines Jugendlichen, die man sehr gut nachempfinden kann. Man spürt, man versteht Jeff - egal, ob er »gute« oder »böse« Gedanken hat. Man fühlt sich abgrundtief traurig, als seine Erinnerungen in ihm hochkommen - an jene schreckliche Zeit vor und nach dem Mord, denn Troy begangen hatte. In der Ich-Perspektive geschrieben, zieht die Geschichte einen in ihren Bann - was mir manchmal zuviel wurde. Die düstere, Stimmung, auf jeder Seite Vorahnungen, die Ruhe vor dem Sturm? Trotzdem legte ich es nicht aus der Hand. Ich ließ nicht locker. Gut war das Ende - nicht nachlassend spannend und mitreißend, denn bei einem Thriller wie diesem muss das Ende ein Höhepunkt sein. Kein vollkommenes Happy End, kein plötzliches "Friede, Freude, Eierkuchen", das hätte gar nicht zu dem Rest des Buches gepasst.
Julia Suris (xyz 25)

Marco Kunst: Gelöscht. Gerstenberg Verlag 2005, 480 S., ab 12
Die große tolle Stadt - hier sind alle glücklich und zufrieden, die Bewohner kennen auch nichts anderes . Doch eines Tages wird Sig (um genau zu sein: Sigma-fi-alpha-277) aus der Stadt ausgespuckt. Verwirrt sieht er das erste Mal die »Außenwelt«: Wald, Meer, Regen. Alles kommt ihm wie ein ziemlich beängstigendes Wunder vor, denn der CC (Zentralcomputer) hat die Stadt mitsamt Einwohner hermetisch abgeriegelt und filtert ihre Gedanken. So beschwert sich keiner, dass er in einem hochtechnisierten Gefängnis sein Leben fristet.
Sig landet auf der Müllhalde West. Dort werden regelmäßig Menschen ausgespuckt, jedoch sind die meisten von ihnen gelöscht, man nennt sie Fledderer. Sie besitzen keine Erinnerungen mehr. Sig wir von Pilaster aufgelesen, der genau wie er ein Verstoßener mit Gedächtnis ist. Er rettet Sig das Leben, wird sein Freund und gemeinsam machen sie sich auf den Weg nach Wissen. Ihr Ziel ist, mit dem CC zu sprechen. Doch Pilaster stirb im Wald und so muss sich Sig alleine durchschlagen. Aber er schafft es, ihren Plan zu erfüllen und fordert vom CC, dass er nach drei Jahrtausenden wieder die Stadtmauern öffnen soll, damit alle die Wunder der Außenwelt erleben können. Doch dann geht alles schief. Anstatt den CC davon zu überzeugen, verunsichert dieser Sig wiederum:
»Stimmt das alles tatsächlich? Waren Menschen wirklich Monster, die vor sich selbst geschützt werden mussten? Bilder von Fleddererhorden auf Halde West stiegen in seiner Erinnerung hoch: jene brüllende, mordlustige Meute, die ihn unter dem Hängenden Haus angegriffen hatte.«
Die Sprache ist ein harter Brocken, denn das Verb steht an einer beliebigen Stelle im Satz. Da stellen sich einem doch schon mal die Nackenhaare auf, aber hat man sich durch die ersten 50 Seiten des Buches durchgefressen, wird es wirklich gut. Man bekommt einen anderen Blick auf Computer und die Natur draußen vor der Tür.
Elena Geib (xyz 23)

Stanislaw Lem: Solaris. Dtsch. v. Irmtraud Zimmermann-Göllheim, Heyne Verlag 2002, 284 S.
»Solaris« von Stanislaw Lem ist ein wunderschön aufgemachtes Buch. Dass ist aber auch schon das einzige Gute. Mir ist schleierhaft, wie dieses Buch zu den Sci-Fi-Klassikern gehören kann. Es ist schlecht geschrieben, wozu auch die Ich-Erzählperspektive maßgeblich beiträgt, es ist so schlecht formuliert, so dass der Inhalt keinen Weg ins Gehirn findet, deswegen nur folgendes zum Inhalt:
Man erlebt einige Wochen im Leben des Kris Kelvin, der zu den Solaristen (Forscher, die sich mit der Solaris befassen) gehört. Nun fliegt er selbst auf diesen weit entfernten Planeten, der mehr oder weniger vollständig von einem Ozean aus einer undefinierbaren Gallertmasse bedeckt ist. Der Ozean kann denken, nach einiger Folge von unschönen Ereignessen, kommen die 3 Forscher auf der Solaris überein, dass der Ozean sich wie ein Kleinkind verhält. Es werden seitenlang die Zuckungen und Spielereien des Ozeans beschrieben und wild herumspekuliert.
Zwar ist polnisch sicherlich eine unglaublich komplizierte Sprache, so kann auch die Übersetzerin zu diesem Desaster an Buch beigetragen haben, doch ihr die ganze Schuld aufzuladen ist unmöglich, denn so miserabel kann man gar nicht übersetzten!
Für diese Sprache ein exemplarischer Auszug:
»Der gewissenhafte Giese nannte diese Spielart >abortives Mimoid<, als hätte er aus unbekannter Quelle das exakte Wissen bezogen, dass das endgültige letzte Ziel eines jeden solchen Kataklysmus das >reife Mimoid< sei, das heißt, diese Kolonie polypenhaftger, hellhäutiger Auswüchse (gewöhnlich größer als eine irdische Stadt), deren Bestimmung es ist, Formen der Außenwelt nachzuäffen. Selbstverständlich fehlte es nicht an einem anderen Solaristen, Uyvens mit Namen, der diese letzte Phase just zur >degenerativen< erklärte, zu Entarnung und Absterben, und den Wald geschaffener Formen zum offensichtlichen Anzeichen für die Loslösung der Sprossgebilde aus der Gewalt des Mutterstücks.«
Im Vorwort wird Herr Lem mit Jules Verne und H .G. Wells verglichen, bei H .G. Wells stimme ich vollkommen zu, auch das ist ein schlechter Autor, bei Jules Verne: PROTEST!!!, denn das würde heißen, dass Lem ein großartiger Erzähler ist, wie es oftmals behauptet wird, doch wie diese Aussage gerechtfertigt wird, ist unergründlich! Jules Verne beherrscht die vollkommene Sprache, schreibt packend, nicht langatmig. Er ist das ganze Gegenteil von Lem! Doch auch dieser kann mit fantastischen Ideen glänzen, die sich jedoch nie entfalten können.
Wer sollte »Solaris« lesen? Ja es gibt Leute, die dieses Buch sich zu Gemüte führen sollten! Entweder man liebt schwere, unverständliche Sprache und langweilige pseudo-wissenschaftliche Ausschweifungen, oder man hat extreme Schlafstörungen. Ich hab nie ein besseres Schlafmittel in den Händen gehalten!
Viel Spaß.
Elena Geib (xyz 22)

Monika Maron: Ach Glück. S. Fischer Verlag 2007, 217 S.
»Leben hat einmal die Überwindung von Gefahren bedeutet [.] und darum müssen die Menschen aus den gefahrenarmen Zonen heute so viel über den Sinn des Lebens nachdenken [.] Wir verdursten und verhungern nicht mehr, wir werden nicht von wilden Tieren gefressen, seit sechs Jahrzehnten kommen wir nicht einmal mehr in Kriegen um, höchstens bei Verkehrsunfällen, schlimmstenfalls können wir Opfer von Raubmördern und Triebtätern werden.«
Monika Maron
Johanna ist Anfang fünfzig, eine studierte, intelligente Frau, Mutter und Ehefrau. Sie lebt in Berlin, mit ihrem Mann Achim, der Alltag und die Gewohnheit haben schon vor Jahren begonnen ihr Leben zu bestimmen. Wahrscheinlich, als die Tochter erwachsen wurde und aus den elterlichen vier Wänden auszog ihrerseits das Glück zu finden.
Ach Glück.
Was ist das?
Was ist Glück? Was eigentlich der Sinn des Lebens?
Ein russischer Kunstliebhaber und die naive Liebe eines Hundes versetzen Johanna den Stoß, den sie braucht, um aus den Gewohnheiten der vergangenen Jahrzehnte auszubrechen. Liebevolle Komplimente eines neuen Freundes und Briefe aus einem weit entfernten Land, geben den Mut, sich ins Flugzeug zu setzen und ihren eigenen kleinen Sinn des Lebens zu finden, ihr Glück .
Ein erwärmend schöner Roman für Frauen, die auch von Zeit zu Zeit das Verlangen packt sich von den Fesseln des Alltags zu befreien und mit einem starken Fernweh in die Welt hinaus ziehen, um ihr Glück zu machen. Für jene, die den vorhergegangenen Roman »Endmoränen« gelesen haben und auch für alle anderen, ein wundervolles Buch, zum schweben über den Wolken.
Sarah Friedemann (xyz 27)

Nina Martin: Das Amulett der Gerechtigkeit. Erlebnis Lesen 2006, 160 S.
Nina Martin ist vierzehn Jahre alt. Sie besucht die achte Klasse des Unterchahinger Lise-Meitner-Gymnasiums, spielt gerne Klavier, lernt Taekwondo und stellt nebenbei ihren Fantasy-Roman »Das Amulett der Gerechtigkeit« auf der Leipziger Buchmesse der Öffentlichkeit vor.
Mit fünf Jahren malt sie eine Bildergeschichte über ein Mädchen, das verschwundene Farben sucht, später bewegt sie der Roman »Das Orakel von Ornak« der erst vierzehnjährigen Flavia Bujor dazu, selbst ein Buch zu schreiben. Mit elf Jahren beginnt sie »Das Amulett der Gerechtigkeit«, sitzt an den Wochenenden und in den Ferien auf ihrem Bett oder ihrem speziell fürs Bücherschreiben angeschafften Hängestuhl und denkt sich die Geschichte von Theo und dem Amulett der Gerechtigkeit aus. Nach zwanzig Monaten ist sie fertig, ein Jahr später ist das Buch veröffentlicht. Dann erst lesen ihre acht- bis vierzehnjährigen Fans, wie Theo von seiner wahren Identität als Prinz des Fantasy-Landes Merovanien erfährt, das Zaubern erlernt und mit seinen Freunden Grosan und Merolin das gestohlene Amulett der Gerechtigkeit aus den Klauen des bösen Königs Nerdor zu entwenden sucht.
Das 160 Seiten umfassende Buch liest sich schnell. Immerhin kommen keine komplizierten hypotaktischen Satzkonstruktionen vor. Das Strickmuster und einige literarische Handgriffe sind altbekannt: Wie in Tolkiens Trilogie »Der Herr der Ringe« wird eine weite, gefährliche Reise in ein fernes Land beschrieben. Regen und Kälte kreieren schaurige, abweisende Orte. Fensterarme Räume wirken klaustrophobisch. Verbotene Zimmer wie in Frances Hodgson Burnetts Roman »Der geheime Garten« sind eine grenzenlose Verlockung. Et cetera. Aber all das stört Nina Martins jungen Leserkreis wohl nicht allzu sehr. Auf der Leipziger Buchmesse und auf weiteren Lesungen in Schulen und Büchereien wird lautstark applaudiert. Schon nach drei Wochen ist die Erstauflage von 300 Exemplaren vollständig verkauft und der Roman muss nachgedruckt werden. Und das, obwohl das Buch keine ISBN-Nummer trägt und nur in Schreibwarengeschäften in Unterhachingen und Umgebung zu erwerben ist.
Einen »richtigen« Verlag konnte Nina Martin nämlich nicht finden: »Wir haben 35 Verlagen ein Exposé zugeschickt und es kamen innerhalb von zehn Monaten Absagen. Die Begründung vieler Verlage war, dass Erwachsene ja in der Regel die Bücher bezahlen würden und sie kein Geld für etwas ausgeben würden, was ein Jugendlicher geschrieben habe.« Jungautoren sind zwar gefragt, doch in der Regel um vieles älter als Nina.
Geholfen hat dann der Verein »erlebnis-lesen«, der auf seiner Homepage verkündet, dass die Förderung des schriftstellerischen Nachwuchses ihm ein »großes Anliegen« sei. Dennoch wäre das Buch ohne die Unterstützung von Ninas Mutter nie erschienen: Sie hat Nina nicht nur beim Schreiben unterstützt und ihr Manuskript in den Computer eingetippt, sondern auch den Druck gesponsert - nur Ninas Schule ließ sich dazu bewegen, in den Debütroman einer derart jungen Autorin zu investieren. Doch trotz Mama-und-Schul-Sponsoring musste die Lektorin viel streichen, »da das Buch sonst zu dick und somit zu teuer geworden wäre«.
Julia Marfutova (xyz 24)

Kai Meyer: Merle und die Fließende Königin, 3 Bände. Loewe Verlag 2003, ca. 930 S., ab 12
Venedig mit seinen Kanälen und Gondeln. Auf den ersten Blick ist alles ganz normal und friedlich, doch der Schein trügt: Ägypten hat seinen Pharao wiedererweckt und dieser will nun die ganze Welt erobern. Die Mumienkrieger stehen schon vor den Toren Venedigs. Und ausgerechnet das kleine Waisenmädchen Merle soll die Stadt, die Welt retten. So macht sie sich auf den Weg. Doch zum Glück ist sie nicht allein, sie hat starke Freunde: die Fließende Königin, Schutzheilige von Venedig, einen geflügelten Obsidianlöwen, ihre Freundin Junipa mit den Spiegelaugen und viele andere. Ihre gemeinsame Reise führt sie in die Hölle, wo ihnen gefährliche Unterweltbewohner und der Teufel persönlich begegnen. Von dort aus geht es weiter in das schneevereiste Ägypten, wo die Sphinxen herrschen. Wird Merle es schaffen die Welt zu retten und nebenbei auch noch ihre Familie wieder zu finden? Hoffentlich, doch um das herauszufinden heißt es erst einmal lesen, lesen, lesen .
Und zwar 930 Seiten. Oder auch nur 658 Buchseiten. Denn, den ersten Band habe ich an nur einem Abend auf CD gehört. Zum Schluss sind mir fast die Augen zugefallen, aber ich wollte unbedingt noch bis zum Ende durchhalten. Nicht anders war es bei, Lesen der beiden Folgebänden »Das steinerne Licht« und »Das gläserne Wort«: Den zweiten Band habe ich bis tief in die Nacht gelesen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Und das, obwohl die Seiten ja nicht auf einmal verschwinden würden.
Die Bücher versetzen einen in eine Welt so real (man muss ja nur den Atlas aufschlagen und schon sieht man Venedig) und doch voller Fantasie. Genauso ist es mit der Zeit: abschnittsweise denkt man, das Buch spielt in der heutigen Zeit und drei Seiten weiter hat man das Gefühl tausend oder auch nur hundert Jahre in der Vergangenheit zu sein.
Ich kann diese Trilogie nur empfehlen, obwohl es eigentlich Kinderbücher sind.
Spannend bis zu der letzten Seite, auch wenn das Ende nicht nur glücklich ist.
PS: Es ist eins der ersten Bücher, wo ich den Autoren erst gesehen und dann sein Buch gelesen habe und ich muss sagen, dass dieser Mensch wirklich zu seiner Merle-Trilogie passt.
Maria Grötzinger (xyz 23)

Stephenie Meyer: Bis(s) zur Mittagsstunde. Aus dem Engl. v. Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag 2007, 557 S.
Als die Wassermassen Bella nach unten drücken, fühlt sie sich Edward so nah, dass sie bereit ist, zu sterben. Warum auch weiterleben - ohne ihn?
Bella ist an ihrem achtzehnten Geburtstag unglücklich, weil sie nun älter ist, als Edward, der ewig siebzehnjährige Vampir. Auf der für sie organisierten Party zerstört ein Stück Geschenkpapier alles. Ein Schnitt, ein Tropfen Blut und die Vampire sind außer sich. Gerade noch von Edward vor dessen Bruder Jasper gerettet, findet sich Bella von Edward verlassen wieder. Er sagt, dass er sie liebt, doch er zieht weg, um sie vor sich selbst zu schützen.
Das mickrige Städtchen Forks irgendwo in Amerika kann ihr nun nichts mehr bieten, außer die Liebe und Sorge ihres Vaters Charlie. In ihrer Verstörtheit klammert sie sich an die Freundschaft Jacobs, mit dem sie sich in Waghalsigkeit versucht, denn im Adrenalinrausch hört sie Edwards Stimme. Trotz der Vertrautheit scheint Jacob etwas zu verbergen.
Als Bella von einer Klippe ins Wasser springt, wird sie zwar von Jacob aus dem Wasser gezogen, Edward erfährt jedoch von seiner hellsehenden Schwester Alice nur von dem Sprung und nicht von der Rettung. In dem Glauben, dass Bella sich umgebracht hat, und weil er trotz der Trennung glaubt, nicht ohne sie leben zu können, macht er sich auf den Weg nach Italien, um von der jahrhundertealten Vampirfamilie Volturi den Tod zu fordern. Nur sie kann ihm diesen Wunsch gewähren, denn als Vampir ist es gar nicht so einfach, zu streben.
Ich habe »Bis(s) zur Mittagsstunde« in einem Zug durchgelesen. Durchgehend spürte man Bellas Melancholie, trotzdem fehlte es nicht an Spannung, vor allem, weil Stephenie Meyer noch ein Monster außer dem Vampir ins Spiel gebracht hat - den Werwolf. Nach drei Vierteln des Buches fiel meine Neugier mit dem Spannungsbogen jedoch zum absoluten Nullpunkt, da ich nicht einsah, was noch passieren konnte. Ich hatte Recht, es geschah nicht mehr viel. Ich konnte mit Bella fühlen und verstand sogar ihre Verrücktheit, ihre Sehnsucht nach Edward, die sie dazu führte, beinahe Selbstmord zu begehen. Mir fehlte aber Edward, der im größten Teil des Buches vollkommen weggelassen worden war. Er hatte in den ersten Band »Bis(s) zum Morgengrauen« seine geheimnisvolle Aura miteingebracht, die schon allein sein Dasein als Vampir verstärkt hat. Der erste Band hatte eher etwas Unerklärliches, der zweite etwas Menschliches. Natürlich ist »etwas Menschliches« nicht schlecht, doch ich fing das Buch mit einer anderen Erwartung an. Insgesamt würde ich das Buch allen empfehlen, die auf tragische Liebesgeschichten mit einer Prise Mystik stehen - auf jeden Fall Mädchen. Jungen würden von dem Gefühlschaos und dem hin- und her nur verwirrt und gelangweilt werden.
Elena Geib (xyz 25)

Joyce Carol Oates: Mit offenen Augen, eine Geschichte von Freaky Green Eyes. Aus dem Engl. v. Birgitt Kollmann, Carl Hanser Verlag 2005, 233 S., ab 13
In dem Buch »Mit offenen Augen, eine Geschichte von Freaky Green Eyes« von Joyce Carol Oates geht es um die Tochter des berühmten Sportjournalisten Peid Pierson Francessca, von allen nur Franky genannt. Als ihre Eltern sich zunehmend auseinander lebten, war für sie klar, dass sie zu ihrem Vater stand, was sich aber ändert, als sie nach dem Tod ihrer Mutter deren Tagebuch findet.
Die Geschichte beginnt damit, dass Franky Freaky Green Eyes auf einer Party von einem Typen bedrängt wird, sich aber befreien und davonlaufen kann.
Im Laufe des Buches bemerkt Franky, das zunehmend schlechter werdende Verhältnis zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter. Es kommt sogar so weit, dass ihre Mutter nun einen Teil Ihrer Freizeit (am Anfang nur das Wochenende, aber im Laufe der Zeit auch mal eine oder mehrere Wochen am Stück) in einem kleinen Häuschen, einige Kilometer von dem Wohnhaus entfernt, verbringt, wo sie sich ein kleines Atelier eingerichtet hat. Später bleibt sie sogar dort. Franky glaubt, ihre Mutter sei eine sehr egoistische Frau, weil sie einfach weggegangen ist, so jedenfalls schilderte ihr ihr Vater die Angelegenheit. Die beiden Mädchen dürfen ihre Mutter in ihrem Häuschen dann auch mal besuchen, aber dieser Besuch endet abrupt, als Reid Pierson sie stürmisch und wutendbrannd wieder abholt. Franky gefällt die Umgebung und findet die Leute rund um das kleine Häuschen sehr nett. Sie versteht nicht, warum sie so schnell wieder gehen mussten und fängt an, das tolle Bild, das sie von ihrem Vater hat, zu hinterfragen. Als man ihre Mutter tot in ihrem Haus auffindet, wird natürlich sofort ihr Vater verdächtigt. Nun dürfen sie nicht mehr das Haus verlassen und sind in ständiger Begleitung ihres Anwalts. Die Presse belagert sie und ihr Vater muss immer wieder Interviews geben. Darin beteuert er seine Unschuld und wiederholt immer und immer wieder, er habe seine Frau nie geschlagen, denn er liebe sie, auch jetzt noch, heiß und innig. Nach einem Traum, in dem sie den Hügel zu dem kleinen Häuschen hinauf fährt, macht sie sich am nächsten Morgen auf den Weg und fährt mit dem Bus dorthin. Sie schlendert zu dem Häuschen und wie erwartet, trifft sie niemanden dort an. Auf dem Rückweg kommt sie an einem Bau eines Murmeltieres vorbei und erinnert sich, was ihre Mutter damals, als sie ihn ihr gezeigt hatte, gesagt hatte: »Ein raffiniertes Versteck, in diesem Bau könnte jemand gut eine geheime Nachricht für einen anderen hinterlegen. Keiner käme auf die Idee, hier nachzuschauen.« Aber Franky kommt auf die Idee und findet eine Plastiktüte mit dem Tagebuch ihrer Mutter. Wie die Geschichte aus geht, solltet ihr besser selbst herausfinden.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich finde, es ist sehr interessant und anregend geschrieben. Es ist nicht zu weit von der Realität entfernt, bis auf die Sache mit dem Mord. Klar kann das passieren, ist aber doch sehr unwahrscheinlich. Aber gerade die Schache mit dem Tod von Frankys Mutter, der dabei hilft, das Franky die Wahrheit über ihren Vater erfährt, macht das Buch so interessant.
Das einzige, was ich nicht so gelungen finde, sind die Gedicht im Tagebuch der Mutter, aber das ist nun ein so kleines Übel, dass man es einfach übersehen kann.
Shirin Grauldehgan (xyz 24)

Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des Unglücks. Aus d. amerik. Engl. v. Adelheid Zöfel, S. Fischer Verlag 2007, 601 S.
»Die alltägliche Physik des Unglücks« handelt von Blue van Meer (Wortspiel?!), die mit ihrem wahnsinnig intellektuellen Vater durch Amerika zieht. Sie ist belesen und nie um ein Zitat verlegen.
Bei einem Supermarktbesuch mit ihrem Vater sieht Blue eine faszinierende Frau mit einer Ausstrahlung, für die ihr Vater zwar blind zu sein scheint, nicht so Blue. Die Frau heißt Hannah Schneider, ist Lehrerin für Filmgeschichte an Blues neuem College, und schon bald lädt sie Blue zu sich nach Hause ein, wo das Mädchen eine außergewöhnliche, extravagante und in einem gewissen Sinne berüchtigte Clique kennenlernt. Sie erlebt Abende, verbracht mit Gesprächen über die Zukunft, Gott und die Welt, alkoholischen Exzessen und Hannahs kulinarischen Experimenten. Von Anfang an drängt sich die Frage auf, warum Hannah Schneider Blue auserkoren hat, zu den »Bluebloods«, wie ihre Schützlinge genannt werden, dazuzugehören, die selbst nicht sehr über diesen Einfall begeistert zu sein scheinen. Dann passiert ein Mord.
Und dann noch einer. Und es ist nicht zu viel verraten, da Marisha Pessl das auch beinahe auf der ersten Seite des Buches preisgibt, dass eine der Ermordeten Hannah Schneider ist. Das Ende dieses Romans ist ziemlich verwirrend. Von Marisha Pessl ist eine Mischung aus Sekte und Linksradikalen erfunden worden, die eine entscheidende Rolle in dem spielen, was sich gegen Ende als Krimi entpuppt.
Ich kann nicht sagen, ob ich das Buch empfehlenswert fand oder nicht. Ich hatte oft das Gefühl, dass die Autorin seltsame Details und Empfindungen erwähnte, nur um den Leser durcheinander zu bringen. Nichts wurde deutlich gesagt und so war das Lesen für mich ein im-Nebel-tappen. Außerdem wurde gleich am Anfang des Buches gesagt, dass Hannah Schneider ermordet wird. Und ich muss zugeben, letztendlich wartete ich darauf, dass sie endlich tot ist, weil die Handlung auf nichts hinauszuführen schien. Überhaupt war das Ende mit dieser Linksradikalen-Sekte als Begründung für alles ziemlich unglaubwürdig. Trotzdem muss ich Marisha Pessl zugestehen, dass sie wirklich phantasievoll ist.
Julia Suris (xyz 26)

Rodman Philbrick: Das letzte Buch des Universums. Aus dem Engl. v. Sabine Grebing, Ravensburger Buchverlag 2004, 216 S., ab 13
Die Welt wie wir sie kennen, wird durch ein Erdbeben zerstört. Die letzte Stadt, die Urb genannt, ist grau, versmogt und außer Menschen und Hunden leben dort nur noch die Ratten. Um ihrem armseligen Leben zu entkommen, »loggen« sie sich, sie jagen sich Elektronadeln ins Gehirn, die ihnen Traumwelten vorgaukeln.
Die Urb umgibt ringförmig Eden, das reinste Paradies, die Heimat der genperfektionierten Menschen und der Traumort all derer, die noch denken.
Das einzige Ziel des 14-jährigen Spast ist es, seine kranke Schwester Bean irgendwo ganz weit weg im anderen Teil der Urb zu besuchen und sie am Besten auch gleich wieder gesund zu machen. Außer dem alten Ryter, der noch weiß, wie es vor dem Beben war, steht ihm noch die Prinzessin von Eden zur Seite. Werden sie es gemeinsam schaffen,. die längst vergessene Krankheit von Bean zu heilen?
Rodman Philbrick erzählt in seinem Roman »Das letzte Buch des Universums« über die Zukunft, wie man noch nie darüber nachgedacht hat. Schon die ersten Sätze - »Wenn ihr das hier lest, muss das in tausend Jahren sein. Denn hier ließt niemand mehr. Warum sich die Mühe machen (.).« - lassen uns als Leser dieses Buchs in diese fremde und doch so nahe Welt eintauchen und geben einen klaren Eindruck über sie.
In einfachen, fast wie gesprochenen Sätzen wird Leid (das jedoch nie zu Elend ausufert) und auch die Schönheit Edens geschildert. Durch diese Sprache wird das Buch zur einfachen Lektüre für die Bahn, doch es ist in Abschnitten auch wieder so fesselnd, dass man aufpassen muss, das Aussteigen nicht zu vergessen.
».und alle, die nie aufhören werden zu lesen« (Widmung), all die, die wissen, dass es mehr als ihre eigenen vier Wände gibt, sich jedes Mal ein wunderbar illustriertes Cover anschauen und dem interessanten Titel auf den Grund gehen wollen, werden auch dieses Buch lesen.
Ich habe mich nicht vom ersten Satz abschrecken lassen (»Sie nennen mich Spast.«), und habe auch nie daran gedacht, es zu bereuen dieses Buch über die Zukunft gelesen zu haben! Schönes Buch!
Tote: eine Hauptperson, zwei Revierschefs, Hunderte von armseligen Kreaturen (Menschen ohne große Rolle!)
Psychisch tot, physisch lebend: zwei Drittel der Urb'schen Bevölkerung (Lognadeln vermanschen das Gehirn)
Maria Grötziger (xyz 22)

Anne Rice: Gespräch mit einem Vampir. Aus d. amerik. Engl. v. Karl Berisch u. C. P. Hofmann Goldmann Verlag 2004, 287 S.

Viele haben sich wahrscheinlich schon Gedanken gemacht, wie es wäre, ewig zu leben. Und gaben auf, schon bei der Vorstellung von Unsterblichkeit. Was, wenn man dem Tod entkommen könnte und für immer jung sein würde? Wäre es eine Befreiung alle Zeit der Welt zu haben oder ein Fluch? Vampire leben ewig in dem Roman von Anne Rice. Nicht alle sind freiwillig zu Vampiren geworden, und das Vampirmädchen Claudia ist für immer gefangen in ihrem kindlichen Körper. Für einige ist es ein Vergnügen, nachts auf Menschenjagd zu gehen. Für Louis, dem tiefsinnigsten und sinnessuchendsten unter seinesgleichen, ein zu hoher Preis, um ihn für die Unsterblichkeit zu zahlen.
Geboren wird er im 18. Jahrhundert als der Erbe einer Plantage in New Orleans. Nach dem Tot seines Bruders, an dem er sich die Schuld gibt, verfällt er in Depressionen - und ist gerade fünfundzwanzig, als Lestat de Lioncourt ihn durch einen Biss zu einem Vampir macht. Zuerst entsteht zwischen ihnen eine Art Pakt, und Louis empfindet eine Hass-Liebe für Lestat, schließlich mündet das Gefühl in Unverständnis. Lestat macht skrupellos Jagd auf Menschen und trinkt genüsslich ihr Blut, Louis hat noch zu viel "Menschliches" in sich, um dies zu verstehen.
Eines Tages »schenkt« Lestat Louis ein Vampirmädchen. Claudia fühlt sich von Anfang an eher Louis zugetan, obwohl sie mit der gleichen Kälte auf Menschen Jagd macht wie Lestat. Sie fühlt sich eingesperrt unter der Aufsicht von Lestat und beschließt, diesen zu töten und sich mit Louis auf die Suche nach anderen Vampiren zu machen. Sie weiß nicht, dass eine solche Tat unter den anderen Vampiren der Welt unter Todesstrafe steht - und dass es nicht so einfach ist, Lestat zu vernichten, wie sie dachte .
Viele Jahre später erzählt Louis einem jungen Interviewer seine Geschichte.
Anne Rice schreibt auf eine langsame Art und Weise, ihre Erzählung in einer Erzählung ist ziemlich originell. Die überzogenen und wiederholten widersprüchlichen Beschreibungen des Vampirdaseins und der Vampirgefühle geben dem Buch etwas Gemächliches. Eigentlich sind Vampire in Anne Rices Welt gefühllos, handeln jedoch immer öfter emotional. Die Thematik "Vampire" ist nicht wirklich mein Ding, aber wer gerne von Blutsaugen bei Nacht träumt, sollte dieses Buch lesen.
Julia Suris (xyz 27)

Hilke Rosenboom: Der Sommer der dunklen Schatten. Carlsen Verlag 2004, 265 S., ab 11
In »Der Sommer der dunklen Schatten« erzählt Hilke Rosenboom die Geschichte von Robert Hopp, der sich, als er das Schloss, das seine Eltern gekauft haben, zum ersten Mal sieht, fast in die Hosen macht. Genauso ergeht es ihm bei allen anderen dunklen Dingen. Man könnte ihn als Angsthasen bezeichnen. Doch dann ändert sich alles.
»Das Blau der Knospe vor seinen Augen war tiefer als das Meer und weiter als der Himmel. Und es war unglaublich schön. Robert spürte, wie sich sein Herz weitete und mit Sehnsucht füllte, mit einem fließenden Gefühl, das sich selbst sofort wieder stillte, kaum dass es angefangen hatte. Er konnte den Blick nicht mehr abwenden. Und plötzlich kehrte sein Körper zu ihm zurück.«
So ergeht es allen, die die Blume der Sehnsucht erblicken, doch sie wird streng von den Fledermäusen bewacht, denn es gibt einem bösen Gegenspieler: Gustav. Er will diese Blume haben, dafür schreckt er sogar vor Mord nicht zurück. Dann ist da noch Joe, ein Mädchen, etwas älter als Robert. Zwar hilft sie Gustav, doch zum Ende hin wachsen Robert und sie fast wie Bruder und Schwerster zusammen. Mit ihr zusammen gelingt es ihm das Geheimnis der Fledermäuse zu wahren und Gustav hinter Schloss und Riegel zu bringen.
Es ist ein sehr einfach gestricktes Kinderbuch. So ist das Niveau, sowie die Sprache nicht sonderlich hoch. Das Buch hat den Charme eines Bandes von Thomas Brezina und anderen Kinderbuchautoren, deren Schreibleistung in Metern gemessen wird.
Fazit: Es ist definitiv ein Kinderbuch. Gut geeignet für junge Menschen bis 10. Dem Kinderroman fehlt etwas Besonderes.
Elena Geib (xyz 22)

Peter Schwindt: Libri Mortis 1: Flüsternde Schatten. Loewe Verlag 2006, 395 S. / Libri Mortis 2: Schlaflose Stimmen. Loewe Verlag 2007, 397 S.
Rosalie hasst ihren Geburtstag, hat permanent Stress mit ihrem Vater. Sie wäre ein ganz normales Mädchen, ohne die Stimmen und Menschen, die nur sie hört und sieht. Über jede dieser Stimmen gibt es ein eigens für sie angelegtes Buch, in dem alles was sie je getan hat vermerkt ist. Diese Bücher sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Rosalie erhält einige auch nur durch einen Zufall. Doch diese Personen in den Büchern hat es wahrhaftig einmal gegeben und locken sie nun mit ihrem Schicksal in die Katakomben von Paris hinab. »Ich sehe tote Menschen. Und wenn ich ihre Bücher lese, ist es, als lebte ich ihr Leben noch einmal.« Rosalie schluckte. »Ich weiß nicht, wie lange ich das noch ertrage. So viele Dinge geschehen, und ich weiß nicht, was sie bedeuten. Da ist ein Spiegel, der die ganze Zeit über bei uns gehangen hat, obwohl er nicht zu reparieren war. Er wurde gestohlen, und nun stellt sich heraus, dass er etwas mit einem Mann zu tun hat, den man vor 16 Jahren in den alten Steinbrüchen unter der Stadt gefunden hat.« S. 299
So resümiert Rosalie die Geschehnisse nach ihrem sechzehnten Geburtstag am Bett ihrer Mutter, die seit sechzehn Jahren im Koma liegt. Rosalie ist total verwirrt, verängstig und braucht eine Person zum Reden. Alle ihre Freunde sind ungeeignet, sie nehmen sie nicht mehr ernst. Nur ihre Mutter könnte sie verstehen, denn bevor sie ins Koma gefallen ist, ist es ihr ähnlich ergangen.
Das Buch ist höchst erstaunlich. »Flüsternde Schatten« ist anders als vorige Peter Schwindt Bücher, zu denen auch die »Justin Time«-Reihe zählt, die sich nicht nur durch dieses platte Wortspiel als Titel auszeichnet, sonder auch durch den einfachen Inhalt. Doch dieses Werk ist kein einfaches Kinderbuch, es verfolgt einen, nimmt einen selbst mit in die Katakomben von Paris, man wird zum Teil des Buches. Und für Kinder ist es eigentlich auch nicht zu empfehlen. Zu gruselig, zu düster, aber genau das ist es, was den Charme dieses Buches ausmacht. Das einzige, was mich tierisch genervt hat, war das ständige »Salut« in dem Buch, ja es spielt in Paris, aber unnötig ist es trotzdem!
Ich habe dieses Buch verschlungen, als gehe es um mein Leben, ich musste wissen, was mit Rosalie passiert, doch auch nach 395 Seiten gab es kein Aufatmen, denn das Buch ist kein Einzelgänger, es ist erst der Auftakt einer Trilogie, umso glücklicher bin ich, dass schon der Nachfolgeband erschienen ist.
Ich habe den braunen ersten Band aus der Hand gelegt, um die blauen »Schlaflosen Stimmen« aus dem Schutzumschlag zu befreien und mich lesehungrig auf sie zu stürzen.
»Erschöpft blieb Rosalie auf dem Bauch liegen. Ihr Atem ging stoßweise und rasselnd. Benommen versuchte sie zu verstehen, was gerade geschehen war. Eigentlich müsste sie tot sein, ertrunken in dieser trüben, kalten Brühe.«
Rosalie war in den Katakomben von Paris verschüttet worden. Doch nicht zum ersten Mal. Von ihren Abenteuern aus dem ersten Band noch arg mitgenommen, denn ihr rechtes Bein war von einer herab stürzenden Gangdecke zersplittert worden, steigt sie ein weiteres Mal in den Untergrund hinab, um einen Freund zu retten. Sie eilt hinkend durch die Gänge, als sie in einer Spalte stecken bleibt und zur Abwechslung von Wasser begraben wird. Sie versteht nicht, wie sie dieses Horrorszenario erneut überlebt haben soll. Doch das ist erst der Beginn einer gnadenlosen Hetzjagd durch Abwasserkanäle und Monsterratten.
Und wieder hat einen der Kliffhänger am Ende des Bandes fest in seinen Klauen, was ist aus Rosalies Freunden geworden, die ihr in der Kanalisation geholfen haben, sind sie erlöst? Hat der Albtraum endlich ein Ende? Und diesmal heißt es warten auf den dritten und letzten Band. Man hat Rosalie, dieses schwarztragende, manchmal etwas widerspenstige Mädchen, die nicht zu ihrem Namen passen möchte doch irgendwie lieb gewonnen. Sie spukt in den Gedanken des Lesers herum, wie die Stimmen in Rosalies eigenem Kopf.
Elena Geib (xyz 25)

Peter Schwindt: Libri Mortis 3 - Lauernde Stille. Loewe Verlag 2007, 392 S., ab 12
Rosalie ist gefangen. Gefangen im Leben ihrer Mutter! Seit Rosalies Geburt vor gut sechzehn Jahren liegt ihre Mutter im Koma, der Körper verkrümmt, seelenlos. Doch es gibt unzählige Verbindungen zwischen Rosalie und dieser Frau, die sie nie kennen lernte. Diese Gemeinsamkeiten sind so stark, dass Rosalie déjà-vue aus dem Leben ihrer Mutter hat. Das alles wird ihr erst klar, als sie sich in die psychologische Abteilung des Ste. Anne, dem Krankenhaus, indem der Körper ihrer Mutter liegt, einweisen lässt. Anstatt sich in den Nachten dem erholsamen Schaf zwischen all den Therapien hinzugeben, ließt sie die Tagebücher ihrer Mutter. Allerdings ist es weit mehr als Lesen, sie taucht in diese fremde Leben ein, es wird zu ihren eigenen Erinnerungen, es bringt sie fast um! Ihre lädierte Psyche wird noch weiter strapaziert, und auch ihr Körper wird vom chronischen Schlafmangel und selbstmörderischen Schlafwandelaktionen fast zerstört: eines nachts steht Rosalie mit Tagebuchseiten in der Hand, halbnackt vor einem LKW mitten auf der Straße, wenige Monde später sprungbereit auf einem Dach.
Rosalie wird erst am Ende der Tagebücher Ruhe finden, erst nach der Erlösung ihrer Mutter. Bis dahin muss sie sich Freund und Feind, Gut und Böse stellen und es schließlich vereinen. Die Libri-Mortis-Trilogie ist wie eine bitter-süße Mehlstaubexplosion: lecker, süchtig machend, laut, verzaubernd, anfangs wie ein feiner Nebel aus Fragen und Ahnungen, der sich zum Schluss restlos mit einem rasanten Rumms in wohlige Wärme auflöst.
Doch ist dieser letzte Band »Lauernde Stille« von Sehnsucht geprägt, wo der lesende Geist in »Flüsternde Schatten« und »Schlaflose Stimmen« ein neues Zuhause in den Katakomben von Paris gefunden hat, so kommt dieses viel zu kurz, die Spaziergänge, die Dunkelheit und die Angst sind viel zu rar. Auch Wehmut webt seine Klänge mit ein, ja spannender es wird, desto schneller ließt man, desto näher rennt das Ende, das endgültige Ende des grandiosen Werks von Peter Schwindt.
Lest diese Bücher, doch nehmt euch in Acht sie fesseln, sie packen, sie lassen auch nicht los, sie lassen euch zu spät kommen!
Elena Geib (xyz 26)

Lilli Thal: Mimus. Gerstenberg Verlag 2004, 445 S., ab 11
»Verzweifelt versuchte Florin, jeden Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Nur nicht darüber nachdenken, wie er vor den Augen der beiden erscheinen musste: ein Lurch, ein Schellen geschmückter Eselskopf, eine lächerliche Kreatur. Früher oder später würde er verrückt werden vor Scham. Unwillkürlich drückte er sich dichter an den Pfeiler, und seine Schellen klirrten leise.«
In dem mittelalterlich angehauchten Roman »Mimus« von Lilli Thal wird der Werdegang des jungen Kronprinzen Florin von Monfiel erzählt. Gelenkt wird dieser vom verfeindeten vinländischen König, der seinen Vater in den Kerker wirft und Florin die Narrenkappe aufsetzt, der dem nur zustimmt, um seinen Kopf zu retten. Mimus, der Hofnarr, wird sein Lehrmeister, der ihn trietzt und fordert. Ein harter Wandel vom Prinzen zum seelenlosen Possenreißer! Aber wird er es bis in alle Ewigkeit bleiben müssen?
Unterstützt wird der schöne Inhalt von einem leichten, lockeren Schreibstil und passend gewählten Worten, die angesichts der Zeit etwas veraltet sind. Dicht und packend erzählt, diese Buch möchte man gar nicht mehr aus den Händen legen.
Das Buch ist für lesehungrige junge Menschen ab 11 aufwärts und für alle die (auch ältere Exemplare), denen nach guter, leichter Unterhaltung steht. Extrem lesenswert!
Elena Geib (xyz 22)

Barbara Veit: Hannah liebt nicht mehr. Carl Hanser Verlag 2004, 190 S., ab 14
Wie oft im Leben stellt man seine eigenen Bedürfnisse hinter die der anderen? Gibt nach in einem Streit? Lächelt oder lacht, obwohl man weinen möchte? Schluckt den aufkeimenden Schmerz hinunter? Hannah tut dies schon ihr Leben lang. Schon als kleines Mädchen spürt sie, dass ihre Freude das einzige ist, was ihre Eltern von Glück erfüllen kann. Also lächelt sie. Ist immer fröhlich. Sie ist siebzehn und verliebt sich in einen Jungen, den sie nie lieben wollte. Sie bekommt die Hauptrolle in seinem neuen Theaterstück und das Drama beginnt. Erste Zärtlichkeiten und das Bedürfnis nach Nähe wächst in Hannah ins Unermessliche. Er stößt sie von sich und Hannah verliert die Verbindung. Verbindung heißt Beziehung. Beziehung zu Menschen. Den Menschen, die man eigentlich liebt.
Ein Roman über Gefühle.
Kleine Gefühle, große Gefühle und die Momente, in denen einfach alles zu viel wird. Eine Geschichte über Bedürfnisse, die man nicht ignorieren darf, nicht ignorieren sollte. Und die Fragen: Willst du? Kannst du? Darfst du?
Fragen, die man sich vor jeder Entscheidung ehrlich stellen sollte!
Sarah Friedemann (xyz 27)

Anne C. Voorhoeve: Liverpool Street. Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2007, 480 S., ab 13
»Eine Freundin wie Rebekka Liebich würde ich nie wieder finden. Sie hockte auf dem schmalen Fensterbrett, eine Hand an den Rahmen geklammert, und hielt die andere ausgestreckt vor sich, als könne sie dadurch die fast anderthalb Meter Distanz verringern, die zwischen ihr und dem Stamm der Birke lagen.«
Händeringend steht die Protagonistin Franziska Mangold unter dem Baum und sieht es schon vor sich - dass ihre Freundin runterfällt beim Springen von Fensterbrett zum Baum. Die beiden Mädchen machen das aber nicht aus Spaß, es ist keine Mutprobe - es gehört zu ihrem so genannten »Survival Plan«.
Noch geht es nicht um Leben und Tod - sie wollen sich "nur" vor Richard und seinen Freunden retten, die sie zusammenschlagen, sobald sie sie sehen, weil die beiden Mädchen Jüdinnen sind. Doch die Lage in Deutschland spitzt sich zu, und als Ziskas Vater von zwei Polizisten abgeholt wird und in ein Arbeitslager gesteckt wird, muss Ziskas Mutter Mamu um eine Ausreise nach Shanghai kämpfen, China ist das einzige Land, das noch bereit ist den jüdischen Flüchtlingsstrom aufzunehmen. Diese wird ihnen schließlich doch verwährt und Ziskas Mutter sieht nur noch eine Möglichkeit, ihre Tochter zu retten - Ziska soll mit einem Kindertransport, der jüdische Kinder nach England fährt, in Sicherheit gebracht werden. Weder Rebekka darf mit, noch ihre Eltern, was Ziska vollkommen unbegreiflich ist. Und doch steigt sie in den Zug, der sie nach London bringen soll, und sie findet sich nach ein paar Tagen in der englischen Hauptstadt wieder. Alles ist ihr fremd - die Sprache, die Stadt, die Freiheit für Juden und die ebenfalls jüdische Familie, die streng gläubig ist, bei der sie aufgenommen wird.
Gerade scheint sich die jetzt in Frances umbenannte Ziska mit der neuen Situation anzufreunden, da fängt der Zweite Weltkrieg an.
Julia Suris (xyz 26)

Martin Zusak: Der Joker. Aus dem austr. Engl. v. Alexandra Ernst, Cbj 2006, 443 S., ab 14
Ed ist ein Versager. Gleich auf den ersten Seiten, bringt er das deutlich zum Ausdruck, genauso, wie, dass er eine Niete im Bett ist und in seinem Leben hat er es zu nichts weiter gebracht, als zu einem minderjährigen Taxifahrer.
Seine Geschichte beginnt mit einem Banküberfall, bei dem sofort Eds beste Freunde vorgestellt werden und Ed den Bankräuber aufhält, wodurch er für eine kurze Zeit zum Held wird.
Doch dann ändert sich etwas in seinem Leben.
Man muss anmerken, dass Ed ein Spieler ist.
Jede Woche spielt er mit seinen besten vier Kumpels und seiner großen Liebe Audrey. Eines Abends bekommt er einen Brief mit einer Spielkarte: das Karo-Ass! Auf diesem stehen drei Adressen.
Eine rätselhafte Reise beginnt, in der er noch die anderen drei Asse bekommt und z.B. einer alten Frau Gesellschaft leistet, einen brutalen Alkoholiker dazu bringt, seine Frau nicht mehr zu vergewaltigen, um am Ende sich selber zu finden.
Markus Zusak schreibt in einem Stil, der es nicht erlaubt das Buch aus der Hand zu legen, eh man nicht weiß, wie das Kapitel zu Ende geht.
Zum Teil jedoch ist es ein wenig langatmig, was aber meist sofort durch einen erneuten Spannungsaufbau vergessen ist. Liebevoll und sehr detailliert beschreibt er Figuren und Orte. Die Idee ist originell, und die ersten Seiten geradezu perfekt und gewitzt geschrieben, so dass ich in der S-Bahn saß und aus vollem Hals lachen musste.
Robert Wagner (xyz 26)

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